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Briefsteller. Zur Codierung und Entwicklung des Mediums "Brief" im 17. und frühen 18. Jahrhundert

Furger, Carmen. Briefsteller. Zur Codierung und Entwicklung des Mediums "Brief" im 17. und frühen 18. Jahrhundert. 2007, Doctoral Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60106/

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Abstract

Meine Dissertation, die der Entwicklung des Mediums Brief in der Frühen Neuzeit gewidmet ist, entstand im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts zur Briefkultur der Frühen Neuzeit. Meine Aufgabe bestand insbesondere darin, deutsch- und französischsprachige Briefsteller bzw. Brief-Mustersammlungen aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert auf Formen und Funktionen von sogenannten «Privatbriefen» hin zu untersuchen und im Speziellen auch der Frage nachzugehen, wie in diesen frühen Privatbriefen Gefühle thematisiert und codiert wurden, d.h. nach welchen Regeln des «guten Tons» diese in Briefen zum Ausdruck gebracht werden konnten oder sollten. Da sich die Brief-Kulturforschung bislang vorwiegend auf den Zeitraum nach 1750 konzentriert hat, schien es mir besonders lohnenswert, den Fokus meiner Forschungsarbeit auf die Briefproduktion resp. -konzeption vor der Zeit der Empfindsamkeit zu richten. Meine Untersuchung beginnt in der Mitte des 17. Jahrhunderts, als mit dem Ende des 30-jährigen Krieges und dem einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung auch die Erfolgsgeschichte des Briefes ihren Anfang nahm. Den Abschluss des untersuchten Zeitraumes bilden die von Christian Fürchtegott Gellert um die Mitte des 18. Jahrhunderts veröffentlichten «Gedanken von einem guten deutschen Briefe» (1742) sowie seine «Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen» (1751). In diesen beiden epistolographischen Schriften setzt sich Gellert dezidiert für ein Briefeschreiben fern von rhetorischen Regeln und starren Dispositionsschemata ein, womit er deutlich Position gegen die von den barocken Briefstellern gelehrte Epistolographie bezog.Obwohl Briefe der historischen Forschung schon von alters her als eine bedeutende Informationsquelle gedient haben, hat die Geschichtswissenschaft den im 17. und frühen 18. Jahrhundert weit verbreiteten und in mehreren Auflagen erschienenen Briefstellern bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch gerade an den Briefstellern mit ihren umfangreichen Brief-Mustersammlungen lässt sich ein eindrückliches Bild davon gewinnen, wie hoch differenziert das Korrespondenzwesen in der Frühen Neuzeit war. Ob sich nun Fürsten gegenseitig zur Geburt eines Kindes gratulierten, ob ein Untertan mit einem Bittgesuch an seinen Herrn gelangte oder ein Vater seinen Sohn auf einer fremden Universität zum fleissigen Lernen anhielt – die barocke Briefsteller-Literatur klassifizierte unterschiedliche Briefsorten und formulierte eine breite Palette von Schreibanlässen vor. Brieflehrbücher bieten sich deshalb geradezu an, Traditionen und Brüche in der frühneuzeitlichen Briefschreibekunst aufzuarbeiten. So lässt sich etwa anhand der barocken Briefsteller-Literatur die Entwicklungsgeschichte des Briefs hin zum Privat- und Geschäftsbrief, zur Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit dokumentieren.Im 17. Jahrhundert richteten sich die Sekretariatsbücher inhaltlich stark am juristisch bzw. verwaltungstechnisch geprägten Briefverkehr aus, indem sie in erster Linie «Allen Sekretarien/ Gelehrten/ Schreibern/ ja so gar neu angehenden Rähten/ Amtleuten/ Richtern/ und ins gemein allen andern Herren=Bedienten/ und denen/ so mit der Feder umgehen/ höchstnöhtig und vorträglich» sein wollten. Zum erweiterten Rezipientenkreis solcher Briefsteller können ferner Personen aus der Nobilität sowie Angehörige aus dem Bürgertum, insbesondere reiche Kaufleute aber auch Gelehrte, gezählt werden. Ein Blick in die umfangreichen und formenvielfältigen Brief-Mustersammlungen der deutschen Briefsteller-Literatur des 17. Jahrhunderts macht denn auch deutlich, dass diese unter einem Brief zunächst einmal alle Schriftstücke zusammenfassten, welche in den barocken Kanzleien zirkulierten. Der Brief in seiner heutigen, begrenzten Bedeutung als Privat- und Geschäftsbrief sollte sich in den deutschen Brieflehrbüchern in der Praxis erst um die Wende zum 18. Jahrhundert herauskristallisieren, als Vorlagen für Verträge, Urkunden oder andere offiziöse Schreiben zunehmend aus den Brief-Mustersammlungen verschwanden oder zumindest klar von den übrigen Briefvorlagen abgetrennt erschienen.Ferner erscheint das Medium Brief im 17. Jahrhundert in ein differenziertes Briefzeremoniell eingebunden, das als eine Art seismographisches Instrument die Beziehungssituation der Korrespondierenden widerspiegelte. Die Briefsteller lieferten dazu nicht nur umfangreiche Titelverzeichnisse, die sich wie ein «Who is who» der Frühen Neuzeit lesen, sondern gaben auch genaue Anleitung, wie die formale Gestaltung eines Briefes auszusehen hatte. Um die Wende zum 18. Jahrhundert lässt sich in den deutschen Briefstellern jedoch ein Wandel vom förmlichen Brief kanzlistischer Prägung hin zum höflich-galanten (Privat-)Brief ablesen. Damit begann sich der Brief in der deutschen Briefkultur zusehends aus seiner standeshierarchischen Umklammerung zu lösen, indem die persönliche Beziehung zwischen den Korrespondierenden an Bedeutung gewann.Die Entwicklungsgeschichte des Mediums Brief hin zu Privat- und Geschäftsbrief, zur Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, hatte auch auf der rhetorisch-theoretischen Ebene Veränderungen zur Folge. Während die Briefsteller des 17. Jahrhunderts den Brief noch als eine rhetorische Sonderform betrachteten – als einer schriftlichen Rede gleich – sollte sich der Brief bis zu Gellerts Briefschreibmaxime als «freye Nachahmung des guten Gesprächs» von seinem starren, rhetorischen Aufbau lösen. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis ins 18. Jahrhundert hinein zeigt sich in den Briefstellern ferner in der Stillehre eine Entwicklung von einem zeremoniell-formelhaften Schreibstil hin zu einer freieren «galanten» Unterhaltung und zu «natürlichen» Ausdrucksweisen. Diese Veränderungen im Schreibstil verlangten auch nach anderen Briefsorten in den Briefstellern. So gehörten etwa Briefe aus dem privaten Bereich wie die «galanten» und «verliebten» Briefe zum festen Repertoire der Briefsteller des 18. Jahrhunderts. Solche Briefsteller waren denn auch nicht mehr für ein berufsspezifisches Publikum geschrieben, sondern vielmehr für einen breiten mittelständischen Rezipientenkreis – wie etwa das Titelblatt des «Allzeitfertigen Brieffstellers» von August Bohse zeigt, das eine Anleitung dafür verspricht, «wie so wohl an hohe Standes=Personen/ als an Cavalliere/ Patronen/ gute Freunde/ Kauffleute und auch an Frauenzimmer/ ein geschickter Brieff zu machen und zu beantworten» sei. Waren die Briefsteller des 17. Jahrhunderts kaum für ein weibliches Publikum geschrieben, sollten sich durch die epistolographischen Schriften des 18. Jahrhunderts vermehrt auch gebildete Frauen aus den gehobenen sozialen Schichten als Leserinnen und Schreiberinnen von Briefen angesprochen fühlen.Briefsteller waren in der Frühen Neuzeit aber weit mehr, als nur Lehrbücher die ihrem Lesepublikum zu vermitteln versuchten, «wie ein Brief geschickt einzurichten [sei]/ und wie das jenige/ so man in schreiben verlanget/ durch eine angenehme Art könne vorgetragen werden». Indem Briefsteller vorgaben, mit welchem Briefpartner über welchen Gegenstand in welcher sprachlichen Form kommuniziert werden durfte, lassen sie sich schliesslich mit Blick auf Norbert Elias «Prozess der Zivilisation» als eine Art «Benimmbücher» der Frühen Neuzeit und somit als Medium dieses «Zivilisationsprozesses» lesen, der in Richtung einer Intimisierung von Gefühlen bzw. einer verstärkten Selbstkontrolle deutet. In ihren Anweisungen und Brief-Mustersammlungen gaben die Briefsteller vor, wie – und wenn ja – welche Gefühle in einem «guten» Brief kommuniziert werden konnten. Die in den Briefstellern zum Ausdruck gebrachten Emotionen beschränkten sich dabei auf wenige Basisemotionen wie Trauer, Freude, Liebe, Eifersucht, Wut, Zorn, Ärger, Scham oder Ekel. Des Weiteren geht aus den Briefvorlagen hervor, dass die frühneuzeitlichen Briefschreiber, wenn es um die sprachliche Artikulation von persönlichen Stimmungslagen ging, Schwierigkeiten bekundeten, Gefühle wie Wut oder Zorn richtig zu benennen, indem sie ihre Stimmungslage mit Worten der Trauer ausdrückten. Erst mit der wachsenden Fähigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und richtig zu benennen, hat sich ein Bewusstsein von Wut und Zorn entwickelt, was sich schliesslich auch im sprachlichen Ausdruck in den Briefvorlagen niederschlug. Die frühneuzeitliche Briefsteller-Literatur gibt somit ein Zeugnis ab von der in der Emotionsforschung weit verbreiteten Annahme, dass die «emotional experience» im Laufe der Zeit einem Wandel unterlegen waren. Die Briefsteller liefern aber auch einen Beweis für den Wandel der «emotional standard» als mit den galanten Briefstellern um die Wende zum 18. Jahrhundert das Gefühl des Verliebtseins vermehrt Einzug in den Brief-Mustersammlungen hielt.Wie Gefühle sprachlich in Briefen artikuliert werden konnten, wurde wesentlich vom sozio-kulturellen Kontext beeinflusst, in welchem der Brief sich bewegte. So wiesen Musterbriefe aus dem höfischen Umfeld in den Briefstellern des 17. Jahrhunderts eine besondere Rationalität hinsichtlich der Darstellung von persönlichen Empfindungen aus. In den im Kanzleistil verfassten Briefvorlagen waren Emotionen in der Regel nur knapp erwähnt und nicht weiter beschrieben. Der Gefühlswortschatz des 17. Jahrhunderts scheint ferner wenig differenziert gewesen zu sein, denn die Briefvorlagen werden von häufig wiederkehrenden, stereotyp wirkenden Formulierungen dominiert. Die Artikulation von Gefühlen dürfte demzufolge weniger im Mittelpunkt des Schreibinteresses des Kanzleistils gestanden haben. Das Medium Brief erscheint im höfischen Kontext vielmehr als ein Handlungsinstrument. Da in der höfischen Gesellschaft das Handeln genau überlegt werden musste, konnte das unmittelbare Zeigen von Emotionen nachteilig sein, womöglich die eigene Existenz bedrohen. Dementsprechend dürfen die Emotionen in Briefvorlagen aus dem höfischen Umfeld denn auch nicht als ein Abbild des Schreibers selbst betrachtet werden, sondern sie dienten vielmehr der Inszenierung. Die höfische Gesellschaft verlangte somit vom einzelnen Individuum nicht Authentizität hinsichtlich der Darstellung von Emotionen, sondern adäquates Rollenhandeln.Im Gegensatz zu den höfischen Briefen lassen (Privat)briefe aus dem bürgerlichen Umfeld, obwohl auch im Kanzleistil abgefasst, bereits im 17. Jahrhundert eine erste Lockerung im Schreibstil erkennen. Sie boten mehr Raum für individuellere Artikulationen von persönlichen Empfindungen. Äusserst emotionale Wendungen finden sich in den galanten und verliebten «Frauenzimmer»-Briefen, in denen die Schreiber nicht selten zu aussagekräftigen Metaphern griffen, um ihr Gefühl des Verliebtseins zu beschreiben. Der Grad an gezeigter Emotionalität spiegelte indes das soziale Verhältnis der Korrespondierenden wider. Emotionalität bildete somit Hierarchien ab, denn je näher sich die Korrespondierenden standen, desto emotionaler durften die Ausdrucksformen in einem Brief ausfallen.Wie bei allen normativen Quellen muss auch bei der Briefestellerliteratur das Problem im Auge behalten werden, dass ihre Aussagen mehrfache Lesarten zulassen. Auch wenn die Briefsteller-Literatur gesellschaftsfähiges Verhalten beschreibt, muss dieses nicht zwingend in der Wirklichkeit vorgefunden bzw. nachgeahmt werden. In meiner Forschungsarbeit ging es denn auch weniger um die Frage nach der Wirkung der epistolographischen Werke auf die reale Schreibpraxis, als vielmehr um die Herausarbeitung der im Briefverkehr des 17. und frühen 18. Jahrhunderts herrschenden Regeln und Standards sowie deren langfristige Entwicklung und Verfeinerung. Doch hat die Briefsteller-Literatur mit Sicherheit Auswirkungen auf die Schreibpraxis der Frühen Neuzeit gehabt, die es in künftigen Forschungen noch deutlicher herauszuarbeiten gälte.
Advisors:Opitz-Belakhal, Claudia
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Bereich Frühe Neuzeit > Geschichte der frühen Neuzeit (Opitz-Belakhal)
04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Bereich Geschlechtergeschichte > Geschichte der frühen Neuzeit (Opitz-Belakhal)
UniBasel Contributors:Opitz Belakhal, Claudia
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Doctoral Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:37
Deposited On:06 Feb 2018 11:24

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