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KontaktZonen. Alltagsbeziehungen als räumliche Praxis in einem jüdisch-christlichen Dorf, Lengnau (Schweiz) im 19. Jahrhundert

Binnenkade, Alexandra. KontaktZonen. Alltagsbeziehungen als räumliche Praxis in einem jüdisch-christlichen Dorf, Lengnau (Schweiz) im 19. Jahrhundert. 2008, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/59953/

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Abstract

Tür an Tür und doch Welten voneinander getrennt: Wer heute nach Lengnau oder Endingen fährt, dem werden Häuser mit so genannten Doppeleingängen als ‚Judenhäuser’ vorgestellt. Die Besucherin, der Besucher erhält dazu die Erklärung, dass hier Juden und Christen ‚früher’ nicht unter einem Dach wohnen durften. Deshalb hätten sie ihre Wohnungen durch separate Eingänge betreten müssen. Die Türen, in grösstmöglicher Nähe zueinander gebaut, stehen für Trennung, für Differenz, für einen Kontakt, der zumindest ambivalent war. Sie sind ein wichtiges Wahrzeichen der beiden Dörfer, eines, das sie deutlich von anderen Aargauer und Schweizer Ortschaften unterscheidet. Die Doppeleingänge zeigt man heute auswärtigen Besucherinnen und Besuchern und verweist damit auf eine Vergangenheit, auf die geschichtsbewusste Einheimische stolz sind.Dem war nicht immer so. Das jüdisch-christliche Zusammenleben in den beiden Schweizer ‚Judendörfern’ war lange Zeit konflikthaft, den jüdischen wie den katholischen Dorfbewohnern von auswärtigen Regierungseliten aufgezwungen. Unrühmliche Bekanntheit erwarben sich christliche Surbtaler mit heftigen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung: dem so genannten Zwetschgen- oder Bändelkrieg von 1802 und den so genannten Endinger Exzessen von 1861, die oftmals mit der kantonsweiten, judenfeindlichen Auseinandersetzung um eine Verfassungsrevision im darauf folgenden Jahr in Zusammenhang gebracht werden, mit dem so genannten Mannli Sturm.Zahlreiche Beschreibungen rücken diejenigen Aspekte ins Zentrum, die primär diese prekäre Seite des Kontakts zeigen. Solche Autorinnen und Autoren laufen Gefahr, jüdisch-christliches Zusammenleben als beinahe ausschliesslich konflikthaft wiederzugeben, diese Konflikthaftigkeit als eigentliches Merkmal des Alltags festzuhalten und so Zuschreibungen von Täter- und Opferrollen zu (re)produzieren. Diese Darstellung schreibt immer wieder die Unmöglichkeit jüdisch-christlichen – oder in einem weiteren Sinn überhaupt multikulturellen – Zusammenlebens fest. Kulturkontakt kann dann fast nur Kulturkonflikt heissen. Es braucht daher eine Darstellungsform von Kulturkontakt, die ihn weder als etwas Gefährliches dämonisiert noch auf der andern Seite romantisiert, indem sie Konflikte ganz ausblendet.„KontaktZonen“ geht dieser gemeinsamen Geschichte in fünf Kapiteln und drei Exkursen nach. Längsschnitte behandeln Armut und die Mikropraktiken der Differenz; es werden Geographien des Kontakts nachgezeichnet und damit unauffälliges, alltägliches Zusammenleben ebenso sichtbar gemacht wie die Macht von Allianzen der Ordnung am Beispiel der Religion; es geht um soziale und zugleich physische Grenzen und um damit zusammenhängende Konflikte, und schliesslich werden Schuldnetze aufgezeigt, in denen Kredite als Medien der Kontaktzone funktionieren. All diese Einblicke zeichnen mit starkem methodischem Bezug alltägliche Beziehungen im 19. Jahrhundert nach, selbst wenn der Auslöser für diesen Fokus ein aussergewöhnliches Ereignis ist.„KontaktZonen“ handelt von einem Dorf, in dem jüdische und katholische Frauen, Männer und Kinder lebten. KontaktZonen ist jedoch nicht in erster Linie eine Arbeit zur jüdischen oder jüdisch-christlichen Geschichte. Sie ist umfassender kulturwissenschaftlich ausgerichtet. Die Untersuchung handelt von den Geräuschen, Gerüchen, Bewegungen und Traditionen in diesem Dorf. Sie untersucht die zahlreichen Beziehungen zwischen den Menschen im Dorf und denjenigen ausserhalb. Ungewöhnlich und neu ist der starke methodische Bezug auf Raumtheorien (Michel de Certeau) und der Versuch, Räume als ‚Quelle’ zu erschliessen – in einem Forschungskontext, in dem schriftliche Quellen für einzelne Fallgeschichten über weite Strecken fehlen bzw. nur tendenziell serielle verwaltungspolitische Korrespondenzen erhalten sind, zu einem Thema, zu dem ‚alles’ gesagt zu sein schein. Wie dem Blick von aussen begegnen, wenn es eine Geschichte von innen sein soll? Wie an die Geschichtsschreibung zu diesem Thema anknüpfen und dennoch versuchen, dieses Narrativ zu verändern? Auf all diese Fragen versucht „KontaktZonen“ zu antworten und zweifellos werden diese Antworten weitere Fragen auslösen.Das Projekt wurde gefördert durch die Universität Basel, die Stiftung Dialogik und die Freiwillige Akademische Gesellschaft Basel.
Advisors:Haumann, Heiko
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Osteuropäische und neuere Geschichte (Haumann)
UniBasel Contributors:Binnenkade, Alexandra and Haumann, Heiko
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Doctoral Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:36
Deposited On:06 Feb 2018 11:23

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