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Die europäische Integration in der russischen Historiographie nach 1985

Weber, Martin. Die europäische Integration in der russischen Historiographie nach 1985. 2011, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60737/

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Abstract

Im Vordergrund der Untersuchung steht die Frage, wie sich die (post)sowjetische Historiographie zur westeuropäischen Integration entwickelte und wandelte. Als Hauptquellen dienen wissenschaftliche Publikationen, die einen Beitrag zur russischen Historiographie und zur konstanten (Neu-)Beurteilung der westeuropäischen Integration leisten. Methodisch stehen grundsätzliche Fragestellungen zum Verhältnis Russlands und des sich integrierenden Europa im Mittelpunkt: Wissensstand in Bezug auf Westeuropa und die europäische Integration, Autostereotypen und Heterostereotypen, Europa als Werte-, Glaubens- oder Rechtsgemeinschaft, das Bild Russlands als der Kooperation verpflichteter Teil Europas. Die Untersuchung folgt einer Zeitachse der historischen Entwicklung vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Bis zum Umbruchjahr 1989 lassen sich drei Phasen unterscheiden, in denen sich die russisch-sowjetische Haltung zur westeuropäischen Integration schrittweise wandelte. Im Zentrum steht dabei die historiographische Literatur der letzten dieser drei Phasen sowie der vierten nach 1991. Erstere kennzeichnen das Neue Denken und die Ära von Glasnost’ und Perestrojka, letztere das postsowjetische Russland auf der Suche nach einer Neupositionierung in Bezug auf das sich immer stärker integrierende Europa. Aus dem Blickwinkel dieser beiden Phasen wird ein neuer Blick auf die beiden vorangehenden geworfen: Die erste bis 1962 war durch die sich vertiefende Spaltung charakterisiert, die im Kalten Krieg den Kontinent durchzog; die zweite durch eine allmähliche Anerkennung der Realität der westeuropäischen Integration, ohne dass dabei die ideologischen Grundlagen des sozialistischen Systems völlig ausser Acht gelassen werden konnten. Zwanzig Jahre nach dem Umbruch, der zur Auflösung der Sowjetunion und damit der Grundlagen einer marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung geführt hat, steht die russische Wissenschaft dem Phänomen der europäischen Integration mit Offenheit und teilweise grosser Detailkenntnis gegenüber. Nichtsdestotrotz führt die unzureichende Archivlage dazu, dass historische Entwicklungen der Zeit nach 1945 bis heute nur unzureichend erforscht werden können. Eine historische Aufarbeitung der frühen Europakonzeptionen von Kautsky, Trockij und Lenin hat in der post-sowjetischen Forschung bis heute nicht stattgefunden. Objektive Arbeiten über pazifistische Ideen, die oft mit europäischen Einigungsprojekten verbunden wurden und dem sozialdemokratischen Gedankengut entsprangen, entstanden in der sowjetischen Historiographie nicht. Die sowjetische Führung versuchte, eine Kontinuität der russischen Haltung zu konstruieren, indem sie ihre Rede Stalins von 1930 gegen den Briand-Plan und Paneuropa in direkte Verbindung zur Ablehnung des Marshall-Plans setzte. Lenins Dogma gegen eine europäische Einigung von 1915 nahm bis zum Untergang der Sowjetunion die Stellung eines unausweichlichen Referenztexts ein.
Anerkennung der Realität in den 1960er Jahren
Erst das Tauwetter in der Ära Chruščev führte zu einer Entstalinisierung auch im Forschungsbereich. Forscher am neu eingerichteten Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) gehörten zu den Ersten, die versuchten, eine objektive Bewertung der europäischen Institutionen vorzunehmen. Ihre Annahme, dass bestimmte ökonomische Voraussetzungen erfüllt sein müssen, in deren Folge sich der Integrationsprozess als Realität weiterentwickelt, führten zum entscheidenden «shift» der sowjetischen Position, der sich bis 1962 vollzog und sich in den «32 Thesen» des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen (IMEMO) artikulierte. In der Entspannungsphase bis Mitte der 1970er-Jahre wandte sich die Forschung neu den politischen Integrationsprozessen und den supranationalen und transnationalen Strukturen zu. Die grundlegende Arbeit von M. M. Maksimova aus dem Jahr 1971 konzediert der europäischen Integration, dass sie über Lenins Diktum über die «Tendenz zur Entwicklung der Produktivkräfte im Weltmassstab» hinaus einen «qualitativ neuen Grad» der Wirtschaftsentwicklung darstellt. Noch 1986 konstruiert V. G. Baranovskj eine neue ideologische Legitimation: Der europäische Integrationsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg wird nun unter Berufung auf Marx und Engels sowie Lenin als «gesetzmässig» zur Tendenz der von den Klassikern des Marxismus-Leninismus beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklung dargestellt. Die entscheidende Weichenstellung in den Nachkriegsjahren, die zum Wiederaufbau Westeuropas mit Marshall-Plan-Geldern führte, findet sowohl aus historischem Interesse wie aus einem Analogieschluss Beachtung: Sollte das postsowjetische Russland nicht in ähnlicher Weise Unterstützung aus dem Westen finden? In der Konsolidierung der sowjetischen Kontrolle über die Einflusszone in Osteuropa, und damit auch in der Ablehnung des Marshall-Plans, lag die Priorität Moskaus. Die Entscheidung wird in der neueren Historiographie als Spaltung der realen europäischen Integration in eine westeuropäische und eine osteuropäische gesehen. Wiederholt werden der geringe Kenntnisstand und die Fehleinschätzungen betreffend der Zielsetzungen und Auswirkungen der europäischen Integration bedauert. Sowjetische Fachleute sahen weder das Potenzial der wirtschaftlichen Integration, noch vermochten sie die supranationale Kontrolle über die Rüstungsindustrie zu relativieren (letztere hatte im Westen einen viel geringeren Anteil am BIP und verursachte daher auch unter supranationaler Kontrolle noch nicht den Verlust der ökonomischen Unabhängigkeit der sich integrierenden Staaten).
Neues Denken und eine neue Sicht
Bewerteten in den 1950er und 1960er Jahren sowjetische Experten die Integrationsschritte als krisenbedingte Massnahmen, so werden 1995 die Römer Verträge als «ein langfristiges Programm der ökonomischen und politischen Integration der teilnehmenden Staaten, eine Vereinigung ihrer Märkte, eine abgestimmte Wirtschafts- und später auch Aussen- und Verteidigungspolitik» beurteilt. Beklagt wird, dass in den 1950er Jahren kaum jemand das Phänomen der europäischen Integration im modernen Sinn verstanden habe. Insbesondere die zur politischen Einigung drängenden Kräfte wurden regelmässig unterschätzt. Nach dem «shift» von 1962 wird die Tatsache, dass die Bildung von drei Kräftezentren innerhalb des imperialistischen Systems – USA, EWG, Japan – anerkannt wurde, als wichtigste Veränderung in der Einstellung der sowjetischen Wissenschaft zur «Integration» bewertet. Die sowjetische Integrationsforschung, so die neuere russische Historiographie, habe kein umfassendes Verständnis dafür entwickelt, was «Integration» tatsächlich beinhaltet, auch nicht in der Zeit der Perestrojka. Integration im Sinne der Bildung eines neuen Ganzen wurde nicht pragmatisch untersucht und nicht verstanden, sondern als Prozess der Wechselwirkung beschrieben und gesamthaft unterschätzt – nicht zuletzt aus einem Misstrauen gegenüber der Zielerreichungschancen von weitreichenden «Plänen», wie ein Historiker mit spitzer Feder notiert. Obwohl in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre in ökonomischer Hinsicht die Grundlage für die folgende Annäherung in der Entspannungsphase gelegt wurde, liegt für diese Periode noch keine einzige auf Archivquellen gestützte Untersuchung vor, in welcher das Verhältnis zwischen RGW und EWG analysiert würde. Im Rückblick wird die sowjetische Europaforschung als «eklektizistische Mischung» bezeichnet, die sich in der Regel auf drei Komponenten stützte: einige obligatorische ideologische Klischees, einige konkrete Thesen der marxistischen Politökonomie und Soziologie, eine empirische Analyse der Integrationsprozesse mit entsprechenden konkreten Verallgemeinerungen. Ab Mitte der 1980er-Jahre setzte sich eine Entideologisierung und ein evolutionär wachsendes Verständnis für die Bedeutung der europäischen Integration durch, welches zur Anerkennung ihrer Eigenart und ihres wachsenden wirtschaftlichen und politischen Einflusses führte. Forscher, deren Laufbahn ihren Anfang innerhalb der sowjetischen Strukturen nahm, distanzieren sich in teils scharfen, teils resignierenden Worten vom ideologisierten Wissenschaftsbetrieb. Dem Integrationsprozess wird schliesslich eine eigene, vorwärts treibende «Trägheitskraft» und das Vermögen, sich aus momentanen Rückschlägen weiterzuentwickeln zuerkannt. Aus dem Bedürfnis einer Neuausrichtung nach Europa wird das «Informationsvakuum über die europäische Integration» bedauert und die Europa-Forschung in der Zeit der Perestrojka organisatorisch gestärkt. Kritisch beurteilt die neuere russische Historiographie Gorbačevs Konzept vom «gesamteuropäischen Haus»: Die Etikettierungen reichen von «allgemeinem Aufruf zu einer gewissen paneuropäischen Identität» bis «naiv, wirr». Als neues Element charakterisiert das Konzept die Bereitschaft, einige Werte europäischer Demokratie anzunehmen, die früher als bourgeois und unannehmbar für die sowjetische Ideologie bezeichnet wurden. Nachdem die negative und ausschliesslich auf bilaterale Beziehungen ausgerichtete Haltung der Sowjetunion zu einer Entfremdung Russlands von Europa führte, intensivierten sich die Diskussionen über die Zugehörigkeit Russlands zu Europa rasch. Die 1990er-Jahre sehen daher ein Aufblühen der Integrationsforschung in Form von Tagungen und Konferenzen wie jener zum 40-jährigen Jubiläum der Römer Verträge.
Desillusionierung und Pragmatik ab dem Jahr 2000
Grundlagendokumente des Europäischen Rechts sowie bilaterale Abkommen zwischen der EU und Russland sind zum Teil erstmals in russischer Sprache zugänglich. Sehr bald stellt sich Desillusionierung über anfängliche Hoffnungen ein, beispielhaft am Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zu illustrieren, welches kurz nach seinem Inkrafttreten als wirkungslos qualifiziert wird, und dem bis heute eine Perspektive der Weiterführung fehlt. Der Anbruch des neuen Jahrhunderts löst eine grosse Zahl grundsätzlich bilanzierender, oft kritischer und enttäuschter Arbeiten aus, die sich nach ersten optimistischen Deklarationen einen «Neustart» in den Beziehungen Russland–EU wünschen. Aus der kritischen Analyse entwickeln sich mithilfe neuer Modelle zunehmend programmatische Ansätze zur Neuausrichtung Russlands gegenüber der EU. Die dieser Untersuchung zugrunde gelegte Orientierung an vier Hauptschulen unterschiedlich ausgeprägter Interessensorientierung (russozentrisch vs. eurozentrisch) und Werteorientierung (europhil vs. russophil) mag hier zur Erklärung einer doppelten Neuorientierung in postsowjetischer Zeit dienen: War die sowjetische Zeit von einer ideologisch bestimmten Situierung im russozentrischen und russophilen Bereich geprägt, so kennzeichnet die 1990er-Jahre eine starke Fokussierung auf Europa. Die anfängliche, später als romantisch-naiv bezeichnete Hoffnung, dass Russland vielleicht schon bald als Beteiligter oder Mitglied die Zukunft der europäischen Integration mitprägen würde, erforderte einen völlig neuen Blick auf Europa. Aus diesem Blickwinkel entstehen europhil-eurozentrische Arbeiten, die auf der Annahme basieren, dass Russland sich an europäischen Werten und Interessen orientieren soll. Sie markieren den Kontrapunkt zur russophil-russozentrischen Forschung sowjetischer Prägung, die im Diskurs eurasischer Geopolitiker fortlebt. Am weitesten verbreitet scheint heute der europhil-russozentrische Ansatz, der sich zwar an (gesamt-)europäischen Werten orientiert, für Russland jedoch einen an eigenen Interessen orientierten Weg sucht. Vor dem Hintergrund dieser Reorientierung im postsowjetischen Russland steht die russische Historiographie vor der Aufgabe, das Verhältnis Russlands zur europäischen Integration in sowjetischer und früher postsowjetischer Zeit in dem Masse abzubilden wie die Archivlage es erlaubt.
Advisors:Kreis, Georg
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Neuere allgemeine Geschichte (Kreis)
UniBasel Contributors:Kreis, Georg
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Doctoral Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:40
Deposited On:06 Feb 2018 11:30

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