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Georgine Gerhard (1886-1977): Flüchtlingshilfe, Frauenbewegung, Sozialpolitik.Eine Basler Biographie

Waeber, Aurel. Georgine Gerhard (1886-1977): Flüchtlingshilfe, Frauenbewegung, Sozialpolitik.Eine Basler Biographie. 2004, Master Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60726/

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Abstract

Georgine Gerhard (1886-1971), geboren und lebenslang wohnhaft in Basel, gehörte jenem Kreis aussergewöhnlicher Persönlichkeiten an, welcher sich für sein humanitäres und politisches Wirken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Frauenstimmrechtsbewegung, Flüchtlingshilfe) in vielerlei Hinsicht ausgezeichnet hatte. Bereits zu Lebzeiten wurde Gerhard für ihr Engagement geehrt. Aufgewachsen mit vier Geschwistern in einem geräumigen Haus mit grossem Garten im Basler Gellertquartier, besuchte Georgine Gerhard zuerst die Freie Evangelische Schule und anschliessend während drei Jahren die Fortbildungsklassen der Töchterschule Basel. Ihre Schul- und Ausbildungsjahre beendete sie 1906 mit dem Lehrerinnenexamen, ehe sie nach Sprachaufenthalten in Frankreich und England 1909 selber in den Schuldienst an der Töchterschule eintrat. Dort übernahm sie neben ihrem beträchtlichen Unterrichtspensum auch etliche administrative, schulorganisatorische Aufgaben; darüber hinaus erwarb sie sich in den von ihr unterrichteten Schulfächern vertiefte Kenntnisse an der Universität. Ein Gehörleiden, das sich zunehmend bemerkbar machte, zwang sie jedoch nach zehnjähriger Lehrtätigkeit, den Schulunterricht fast vollständig aufzugeben und in erster Linie auf dem Schulsekretariat zu arbeiten. Dieses Gehörleiden war schliesslich auch der Grund, weshalb sie 1942 alle ihre Schulämter niederlegte und sich frühzeitig pensionieren liess. Aufgrund ihres intensiven öffentlichen Engagements in der Frauenstimmrechtsbewegung und bei der Flüchtlingskinderhilfe blieb Gerhard nur wenig Zeit für private und persönliche Angelegenheiten. Umso mehr pflegte sie ihre zahlreichen Kontakte im Freundes- und Verwandtschaftskreis, etwa bei häufigen gemeinsamen Mittagessen in ihrer Wohnung an der Peter Rot-Strasse 49. Den Hintergrund ihres humanitären Engagements bildete zu einem gewissen Teil auch ihre religiöse Gesinnung. So vertrat Gerhard ein vom religiösen Sozialismus und vom Quäkertum angeregtes Christentum der Tat. Ihre Aktivitäten in der Flüchtlingskinderhilfe und in frauenpolitischen Menschenrechtsorganisationen reihten sich nahtlos in die Arbeitsfelder der Quäkerorganisationen ein. Georgine Gerhard begab sich des öfteren ins Ausland, um ihre Erfahrungen, welche sie bei ihren unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern sammelte, im internationalen Kontext auszutauschen. Als Vertreterin des Schweizerischen Frauenstimmrechtsverbands reiste sie nach Paris, Berlin und Prag, wo grössere Tagungen und Konferenzen abgehalten wurden, und als ehemalige Fluchthelferin besuchte sie in den Nachkriegsjahren viele der von ihr in der Kriegszeit geretteten und betreuten Flüchtlingskinder in Israel (1949) und in den Vereinigten Staaten (1964). Eine erste Sensibilisierung für Frauenrechtsfragen erfuhr Gerhard bereits während ihrer Englandreise 1906. So knüpfte sie - angeregt von der englischen Frauenstimmrechtsbewegung der „Suffragetten“ - schon bald Kontakte zu führenden Frauenrechtlerinnen in der Schweiz, z.B. zu Rosa Göttisheim und Emma Graf. Dabei schloss sie sich jener kleinen Schar von Frauen und ein paar männlichen Exponenten an, welche als ZielspezialistInnen, StrategInnen und MobilisatorInnen die schweizerische Stimmrechtsbewegung zusammenhielten und die Geschicke der Bewegung als Vorstandsmitglieder auf nationaler und lokaler Ebene leiteten. Als Präsidentin der von ihr mitgegründeten Vereinigung für Frauenstimmrecht Basel und Umgebung und Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht (SVF) hielt Gerhard im Vorfeld der Basler Abstimmung über das Frauenstimmrecht vom 7. und 8. Februar 1920 mehrere Vorträge, um die stimmberechtigten Männer auf die politische Ungleichheit aufmerksam zu machen. Umso enttäuschender fiel das Abstimmungsresultat aus, da nur gerade ein Drittel der stimmenden Männer das Frauenstimmrecht befürworteten. Kurz darauf leiteten die aktivsten unter den FrauenrechtlerInnen, darunter auch Gerhard, eine neue Aufbruchphase in der Stimmrechtsbewegung ein. Gerhard erweiterte ihr internationales Beziehungsnetzwerk, nahm Einsitz in Kommissionen der International Women Suffrage Alliance (IWSA) und vertrat den SVF an den internationalen Frauenkongressen in Paris, Berlin und Prag. Eine Verknüpfung von frauenpolitischen und humanitären Interessen ergab sich für Gerhard in ihrer Arbeit als Präsidentin der Basler Ortsgruppe des Schweizer Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), als Vizepräsidentin der Arbeitsgemeinschaft „Frau und Demokratie“ und ab 1947 als Mitglied der Studienkommission für Frauenfragen der UNO. Die Baslerin präsidierte überdies eine vom Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF) und vom SVF eingesetzte Kommission für Familienzulagen, in deren Auftrag sie eine Broschüre mit dem Titel „Die wirtschaftliche Versorgung der Familie“ verfasste. Darin forderte sie eine obligatorische Familienversicherung (Elternschaftsversicherung), um einen langfristig gesicherten Familienschutz zu erreichen.
Eine zentrale Figur war Georgine Gerhard im Bereich der Flüchtlingskinderhilfe. Die erfolgreiche Arbeit des Schweizerischen Hilfswerks für Emigrantenkinder (SHEK) ist zu einem grossen Teil Gerhards Verdienst. Sie setzte sich unermüdlich für die „Hereinnahme“ von in erster Linie jüdischen Flüchtlingskindern aus Frankreich ein („Kinderzüge“), führte im Namen des SHEK-Vorstands die Verhandlungen mit Behörden und Politikern und stand in Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern internationaler Flüchtlingshilfsorganisationen, so z.B. mit Hanna Eisfelder und Bertha Hohermuth. Nach dem Beitritt des SHEK zur „Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder“ (SAS) arbeitete Gerhard auch in der „Basler Arbeitsgemeinschaft für die spanische Zivilbevölkerung“ mit. Hier vertrat sie die Interessen des SHEK-Zentralvorstandes, welcher allerdings bei der Organisation und Durchführung von „Kinderzügen“ für die spanischen Flüchtlingskinder seine politisch neutrale Haltung gefährdet sah und die „Hereinnahme“ dieser Kinder nicht unterstützen wollte. Kritisch äusserte sich Gerhard gegenüber der Leitung des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), welche ab 1942 die Organisation der gesamten Flüchtlingskinderhilfe übernommen hatte und einen eher staatsnahen Kurs einschlug. Sie verurteilte die von der SRK-Leitung mitgetragenen antisemitischen Massnahmen der Fremdenpolizei und setzte sich innerhalb des SHEK zusammen mit jüdischen Organisationen für die „illegale“ Rettung jüdischer Flüchtlingskinder aus Frankreich ein. Ab 1944 präsidierte sie auch die vom SHEK neu geschaffene Zentrale Heimkommission. Dieses Amt war für sie eine weitere Herausforderung, denn damit lag die Verantwortung für die gesamte Organisation und Koordination der verschiedenen SHEK-Heime in ihren Händen.
Das Herz ihrer Arbeit war für Georgine Gerhard aber die von ihr initiierte und präsidierte Basler Hilfe für Emigrantenkinder (BHEK), welche eine der erfolgreichsten Sektionen des SHEK wurde. Im Namen der BHEK korrespondierte sie mit kantonalen und eidgenössischen Behörden, mit internationalen Hilfsorganisationen und mit zahlreichen Verbänden und Vereinen, um sich für die Flüchtlingskinder einzusetzen. Sie lancierte Spendenaktionen in der Bevölkerung, hielt mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmässig Arbeitssitzungen ab und vermittelte die aus Frankreich eintreffenden Flüchtlingskinder an SHEK-Heime oder Pflegeeltern weiter. In der Auseinandersetzung zwischen der SHEK-Zentralstelle und jüdischen Elternpaaren wegen Besuchsrechten und Urlaubsregelungen versuchte Gerhard eine Vermittlerrolle einzunehmen und somit den „Taufkonflikt“ ein Stück weit zu entschärfen: Die Kinder sollten möglichst ihrer jüdischen Lebensweise gemäss aufwachsen können. Gerhard prüfte auch sorgfältig nach, ob jedes Flüchtlingskind sich an seinem Platz psychisch und physisch gesund entwickeln konnte. Gegen Kriegsende war es für die BHEK-Leiterin dann ein wichtiges Anliegen, für sämtliche Flüchtlingskinder ein neues Ziel- bzw. Heimatland zu finden. Zu ihrer grossen Zufriedenheit erfüllte sich dieser Wunsch: Fast alle Kinder konnten bei Kriegsende in ihre angegebenen Zielländer (Vereinigte Staaten, Israel) ausreisen. Mit ihrem Einsatz für die Flüchtlingskinder bewegte sich Georgine Gerhard oft auf hochpolitischem Parkett. Ende August 1935 nahm sie als Mitglied einer siebenköpfigen Delegation der Hilfswerke an einer Sitzung mit den Bundesräten Johannes Baumann und Guiseppe Motta sowie dem Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, teil. Das Thema der Unterredung war eine von Gerhard mitangeregte Eingabe beim Völkerbund für einen verbesserten Flüchtlingsstatus. Zur grossen Enttäuschung der DelegationsteilnehmerInnen wurden jedoch alle fünf Forderungen der Eingabe von den beiden Vertretern der Landesregierung und vom Fremdenpolizeichef verworfen, und auch der Völkerbund ging in der Folge auf die Eingabe nicht ein. Gerhard liess sich von dieser politischen Niederlage gleichwohl nicht beeindrucken. Im Gegensatz zu einzelnen SHEK-Vorstandsmitgliedern, welche sich vom politischen Feld zurückzogen und sich nur noch der Fürsorgearbeit der Hilfsorganisation widmeten, setzte sie immer wieder mutige Gegenakzente zur behördlichen Flüchtlingspolitik. Im November 1938 wurde sie für ihren Aktivismus belohnt: In einem Gesuch an Rothmund gelang es ihr, dem Fremdenpolizeichef die Bewilligung zur Einreise von 300 jüdischen Flüchtlingskindern aus dem nationalsozialistischen Deutschland abzuringen. Die Rettung dieser Kinder wurde unter der Bezeichnung „300-Kinder-Aktion“ bekannt und stellt in der Geschichte der schweizerischen Flüchtlingshilfe einen einmaligen Erfolg dar.
Die offizielle Anerkennung von Gerhards bedeutenden Verdiensten in der Flüchtlingskinderhilfe erfolgte 1961 mit dem ihr verliehenen medizinischen Ehrendoktortitel der Universität Basel. Dieser Titel bedeutete für sie wohl eine persönliche Genugtuung für ihre geleistete Freiwilligenarbeit. Zum 80. Geburtstag übergab die Leitung des von Gerhard 1952 mit gegründeten Kinderdorfes Kirjath Jearim in Israel der Baslerin eine Ehrenurkunde und richtete ihr damit einen speziellen Dank für die Rettung und Betreuung jüdischer Flüchtlingskinder während des Zweiten Weltkriegs aus. Überdies wurde ein Geldfonds in Gerhards Namen für die Kinder von Kirjath Jearim eingerichtet und ein Haus im Kinderdorf nach ihr benannt. Georgine Gerhard setzte sich ein Leben lang für mehr Gerechtigkeit und Menschenwürde ein. Ihre Arbeit hat Leitbildcharakter.
Portrait von Georgine Gerhard, 1886-1977.
Advisors:Picard, Jacques
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Gesellschaftswissenschaften > Fachbereich Kulturanthropologie > Jüdische Geschichte und Kultur der Moderne (Picard)
UniBasel Contributors:Picard, Jacques
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Master Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:40
Deposited On:06 Feb 2018 11:30

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