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„Bewegte Zeiten.“ Zur Geschichte der Juden in Basel in den 1930er bis in die 1950er Jahre

Sibold, Noëmi. „Bewegte Zeiten.“ Zur Geschichte der Juden in Basel in den 1930er bis in die 1950er Jahre. 2009, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Abstract

Obwohl sich die Schweiz lediglich als Transitland verstand, wurde für jüdische Flüchtlinge der „Durchgangsort“ Basel mit der Grenzschliessung Frankreichs vom August 1938 und dann vor allem mit Kriegsbeginn zur langjährigen Zwischenstation. Die auch in der Schweiz zunehmende Judenfeindschaft sowie die Verpflichtung, für die vor dem Rassenwahn geflohenen „Glaubensgenossen“ aufkommen zu müssen, machte den Schweizer Juden und Jüdinnen ihre Aussenseiterrolle bewusst. Die Repräsentanten der Schweizer bzw. der Basler Juden riefen ab 1933 dazu auf, die Reihen zu schliessen, denn die Abwehr des Antisemitismus und die Hilfe für die Flüchtlinge erforderte alle Kräfte. Richtungskämpfe und persönliche Differenzen mussten in den Hintergrund treten. Die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) sollte nicht mehr ein Verein einer jüdischen Oberschicht, sondern idealerweise die „Gemeinschaft aller Juden“ werden – unabhängig von Herkunft, Alter und sozialem Status. Die Anfeindungen und der moralische Druck, in Zeiten der Bedrohung zusammenzustehen und „Farbe zu bekennen“, lasteten schwer auf der jüdischen Minderheit. Auch Alfred Goetschel, der 1938 Gemeindepräsident werden sollte, war bis 1933 ein „Randjude“ gewesen, wie er sich selbst bezeichnete, der bis zu diesem Zeitpunkt wenig Kontakt zur Gemeinde gehabt hatte und dem sein „Judesein“ erst durch Hitler wieder ins Bewusstsein gerufen worden war. Trotz steigender Mitgliederzahl sank die Finanzkraft der Gemeinde, weil wohlhabende Mitglieder aus Europa auswanderten.Wenngleich sich die leitenden Männer der IGB politisch am Liberalismus orientierten und vom Glauben an die Rechtsstaatlichkeit erfüllt waren, wurde – als Reaktion auf die feindlicher werdende Umwelt, welche die Juden als Kollektiv angriff –, ein Rückzug in ein gemeinschaftsspezifisches Eigendasein propagiert und in Ansätzen auch verwirklicht. Dabei galt es, die sich öffnende Kluft zwischen jüdischer Solidarität und der errungenen gesellschaftlichen Position zu überbrücken.Die Propaganda von „jüdischer Einheit“ und „jüdischer Solidarität“ konnte auf das vom Zionismus geförderte „Volksgefühl“ zurückgreifen. Gleichzeitig wurde, gemäss einem dualen Identitätsverständnis akkulturierter Juden, stets auch die Zugehörigkeit zur Schweiz betont. In der Kriegszeit trat das Dilemma zwischen „loyalem Staatsbürger“ und „solidarischem Glaubensgenossen“ in neuer Dimension auf: Die Zugehörigkeit zur Schweiz wurde zur Überlebensfrage, während der Anspruch an eine jüdische Solidarität noch nie so gross war. Die Verortung als „Schweizer“-Juden ging mit einer Abgrenzung von den „deutschen“ Juden einher, wobei man auf klischeehafte kulturelle Zuschreibungen zurückgreifen konnte, die Teil der mentalen Abwehr der Schweiz gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland waren.In Basel agierten die Exponenten der Basler Juden in einem, verglichen mit anderen Kantonen, günstigen gesellschaftspolitischen Klima: Sie konnten sowohl beim Kampf gegen den Antisemitismus als auch im Bereich der Flüchtlingshilfe auf einen gewissen Rückhalt in der ab 1935 sozialdemokratisch dominierten Basler Regierung zählen. Es bestanden auch gute Kontakte zu bürgerlichen Politikern, die, wenngleich selber nicht frei von antijüdischen Ressentiments, sich dennoch dezidiert gegen eine rassenmässig begründete Judenfeindschaft wehrten. Auch wussten die Basler Juden im Rektor und verschiedenen Professoren der Universität Basel um weitere einflussreiche Verhandlungspartner, wenn es darum ging, sich gegen die judenfeindliche Praxis der Basler Fremdenpolizei zu behaupten. Die Universität Basel betrachtete die ausländischen Studierenden als Ressource. Sie bot den jüdischen Studierenden beschränkt die Möglichkeit, ihr Studium weiterzuführen und abzuschliessen, nachdem dies in Deutschland und weiteren Ländern nicht mehr möglich war. Die Studenten waren hier gut organisiert. Insbesondere die Studentenverbindung „Jordania“ spielte eine aktive Rolle in der zionistischen Bewegung.War die IGB während der gesamten Zeit der nationalsozialistischen Bedrohung weitgehend „entpolitisiert“ und stand – zumindest gegen aussen – zusammen, so fand „Politik“ und Differenz auf einer anderen Ebene statt. Etwas überspitzt formuliert könnte gesagt werden: Die auf Gemeindeebene unterdrückten politischen bzw. religiösen Kontroversen fanden ein Ventil auf der Ebene der Jugendpolitik und im Verhältnis zum Zionismus. Die unterschiedlichen Konzeptionen von Zionismus und die heftigen Auseinandersetzungen, welche sich die verschiedenen zionistischen Parteien lieferten, konnten nicht spurlos an den Basler Juden vorbeigehen, die durch familiäre Bindungen oder religiösen Habitus mit der IGB zu tun hatten.Als philanthropische und identitätsstiftende Bewegung stiess der Zionismus unter den Basler Juden im Laufe der 1930er Jahre auf breite Sympathien. Insbesondere die Postulate des Kulturzionismus fanden über den Kreis der aktiven Zionisten hinaus Akzeptanz und führten zu einer nachhaltigen Veränderung im Selbstverständnis der jüdischen Minderheit: Die IGB verwirklichte die Anliegen des Kulturzionismus im Ausbau des jüdischen Bildungswesens, in der Vergegenwärtigung jüdischer Kultur sowie im neuen Stellenwert des Hebräischen. Die „jüdische“ Komponente im Selbstverständnis der Minderheit wurde mit der Staatsgründung Israels zusätzlich gestärkt.Wenngleich der Zionismus im oben beschriebenen Sinn zur akzeptierten Ideologie innerhalb der Leitung der IGB wurde, so führte die Frage nach dem „richtigen Mass“ an Engagement für die zionistische Sache doch immer wieder zu Differenzen mit aktiven Zionisten. Angesichts der immensen Aufgaben, welche die Abwehr des Antisemitismus sowie die Hilfe für die Flüchtlinge darstellten, sollten die Prioritäten klar in der Schweiz liegen. Beim Widerstreit der Ideologien ging es letztlich darum, wofür die menschlichen und immer knapper werdenden finanziellen Ressourcen eingesetzt wurden. Als Lebensort kam Palästina, so auch für den Grossteil der aktiven Schweizer Zionisten, indes nicht in Frage. Vielmehr sollte das Land die vom Rassenwahn verfolgten Glaubensgenossen aufnehmen. Dementsprechend schwer tat man sich in Basel mit dem chaluzischen Zionismus (Chaluz: hebr.; „Pionier“), der die Auswanderung nach Palästina propagierte und verwirklichte.Verschiedene Faktoren führten dazu, dass der Gegensatz zwischen Ost- und Westjuden, der die jüdische Gemeinschaft in Basel stark geprägt hatte, im Laufe der 1920er und 30er Jahre weitgehend verschwand. Zum einen hatte ein Generationenwandel stattgefunden, zum anderen liess die gemeinsame Bedrohung durch Judenfeindschaft und NS-Deutschland bzw. die Ankunft von Westjuden als Flüchtlinge die alten Gegensätze in den Hintergrund treten. Und schliesslich wirkte auch der Kulturzionismus egalisierend.In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist hingegen ein Konflikt zwischen den Generationen auszumachen. Es bildete sich ein vielfältiges Jugendbundwesen heraus, das als Abbild eines pluralistischen Judentums betrachtet werden kann, wo säkulare, orthodoxe, zionistische und nicht- bzw. antizionistische Gruppierungen und Parteien nebeneinander bzw. in Konkurrenz zueinander stehen. Gleichwohl verstand sich die junge Generation als eine Bewegung, die sich durch die Sehnsucht nach einem selbstbewussten Judentum und einem neuen Gemeinschaftsgefühl auszeichnete. Geprägt von den Ideen des Zionismus formulierte die junge Generation ein neues Selbstbewusstsein. Sie hob sich damit von der Generation der Eltern ab, die noch stark um ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration bemüht war und denen diese Haltung als allzu angepasst und „assimilatorisch“ vorgeworfen wurde. So forderte die junge Generation nicht nur ein eigenes Jugendheim und konstituierte sich als „Jugendgemeinde“, sondern formulierte Kritik an der in ihren Augen als mutlos erscheinenden Abwehrstrategie gegen den Antisemitismus. Später protestierte sie gegen die Haltung der jüdischen Organisationen in der Flüchtlingsfrage. Charles Liatowitsch und Erich Hausmann stehen stellvertretend für diese Generation, die sich, ob nun im „neutralen“ Jugendbund Emuna (hebr.; „Glaube“) oder im religiösen und antizionistischen Agudat Israel (hebr.; „Vereinigung Israels“) sozialisiert, später als Delegierte im Gemeindebund für ein selbstbewussteres Schweizer Judentum einsetzten. Demgegenüber verliess ein Teil der zionistisch-chaluzischen Jugend die Basler Gemeinde, um in Palästina bzw. Israel ihre Ideale zu verwirklichen.Indem die Schweiz die Verantwortung für das Schicksal der verfolgten Juden und Jüdinnen nicht übernahm, zwang sie die kleine jüdische Gemeinschaft in der Schweiz im organisatorischen, finanziellen und auch im zwischenmenschlichen Bereich zu ausserordentlichen Leistungen. Die Tätigkeit der jüdischen Flüchtlingshilfe in Basel bestand in einem ständigen Abwägen verschiedener Interessen, und das Profil des Hilfswerks war stark von äusseren Umständen abhängig. Die ansässigen Juden bildeten eine Schicksalsgemeinschaft mit den jüdischen Flüchtlingen, die in der Schweiz als unerwünschte Fremde nicht auffallen durften. Als schwächstes Glied in der Kette musste deren Wohl oft zurückstehen. Die persönlichen Verletzungen, die bei den ehemals Schutzbedürftigen entstanden, sind bis heute spürbar.Mit dem Ende des Nationalsozialismus fiel auch der moralische Druck weg, in Zeiten der Not zusammenzustehen. Hatte sich die Israelitische Gemeinde Basel ab 1933 um ein Selbstbild von einer „Einheit aller Juden“ bemüht, so brachen in der Nachkriegszeit Differenzen wieder offen aus, und Fragen von Zugehörigkeit und Identitätsverständnis wurden neu diskutiert. Der Umgang mit dem säkularen und sozialistischen Haschomer Hazair (hebr.; „Der junge Wächter“) und der Umstand, dass jüdisches Selbstverständnis zunehmend national oder kulturell geprägt war, führten in den 1950er Jahren vorübergehend zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Basler Gemeinde nahm gegenüber dem Jugendbund eine religiös-konservative und – im Zuge des Kalten Krieges – antikommunistische Haltung ein.Mit dem Bau eines Gemeindehauses, das 1957 eröffnet werden konnte, kam ein längerer Entwicklungsgang der IGB zu einem baulichen Abschluss: der Weg von der ehemaligen Kultusgemeinde zu einem modernen Dienstleistungszentrum. Das Gemeindehaus sollte den gewandelten Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung gerecht werden und diese unter einem Dach zusammenbringen.
Advisors:Picard, Jacques
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Gesellschaftswissenschaften > Fachbereich Kulturanthropologie > Jüdische Geschichte und Kultur der Moderne (Picard)
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:29
Deposited On:06 Feb 2018 11:29

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