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Erinnerungsorte. Das Konzept der 'Lieux de Mémoire' in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft

Robbe, Tilmann. Erinnerungsorte. Das Konzept der 'Lieux de Mémoire' in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. 2008, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Abstract

1984 brachte der französische Historiker Pierre Nora im Pariser Verlag Gallimard den ersten Band eines Werkes heraus, das den Blick auf die französische Geschichte revolutionierte: die „Lieux de Mémoire“. Als es 1992 abgeschlossen wurde, umfasste es 7 Bände mit 135 Artikeln, in denen die Fixpunkte des französischen Selbstverständnisses untersucht wurden: So nahe liegende Gegenstände wie die Marseillaise, die Trikolore oder Jeanne d’Arc, aber auch die Glockentürme, die in Frankreich in jedem noch so kleinen Dorf zu finden sind, oder als spezifisch französisch empfundene kulturelle Formen wie die Galanterie.Das Werk ist in doppelter Hinsicht wegweisend: Es ist erstens keine linear erzählte Geschichte Frankreichs mehr, sondern stellt die französische Geschichte anhand der unterschiedlichsten Gegenstände dar. Diese Gegenstände werden zweitens nicht nur auf der faktischen Ebene behandelt, sondern als Symbole betrachtet: Im Vordergrund steht nicht die Frage, ob Johanna von Orléans gelebt und was sie vollbracht hat, denn ganz abgesehen von der umstrittenen Realität ihrer Existenz hatte sie zu verschiedenen Zeiten eine ganz reale und wirkmächtige Bedeutung. Um diese Bedeutung geht es Nora und seinen Mitautoren: Wie hat sich der Mythos von Jeanne d’Arc entwickelt, wie wurde er von verschiedenen Gruppen interpretiert und genutzt, mit einem Wort: welche Rolle spielt Jeanne d’Arc im kollektiven Gedächtnis der französischen Nation?Diese neue Art der Geschichtsbetrachtung fiel nicht nur in Frankreich auf ausgesprochen fruchtbaren Boden: In fast allen europäischen Staaten wurde begonnen, die Gedächtnisbestände der jeweiligen Nationen zusammenzutragen; man stellte ausserdem fest, dass sich nicht nur Nationen, sondern auch andere Gruppen (wie Regionen, Städte, Generationen, Berufsstände und so fort) an bestimmte Tatbestände aus der Vergangenheit erinnern und ihr Selbstverständnis darauf gründen. In Deutschland begann der Erinnerungsorte-Boom mit dem dreibändigen Werk „Deutsche Erinnerungsorte“, das von den in Berlin lehrenden Historikern Etienne François und Hagen Schulze im Beck-Verlag herausgegeben wurde. „Boom“ deshalb, weil die Verwendung des Begriffs der „Erinnerungs-“ oder „Gedächtnisorte“ nicht auf die Wissenschaft beschränkt blieb: das Wort verbreitete sich in verschiedenen Varianten durch Publizistik und Journalismus, selbst in Reiseführern findet man es mittlerweile häufig an Stelle der weniger modischen „Gedenkstätte“ oder des „Denkmals“.Meine Dissertation geht der Frage nach, wie der Begriff entstanden ist, warum er sich so rasant verbreitet und wie er sich im Laufe seiner Verbreitung entwickelt und verändert hat.Natürlich entstand der Begriff nicht im luftleeren Raum: Sowohl in Frankreich als auch im deutschsprachigen Raum steht er im Zusammenhang mit dem Thema „Gedächtnis“, das Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts neue Bedeutung gewonnen hat – zum einen in den aufblühenden Kulturwissenschaften, zum anderen aber auch in der breiteren Öffentlichkeit. Als eine Ursache wird das allmähliche Aussterben der Zeitzeugengeneration gesehen: Die Zeugen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges können ihre Erinnerungen nicht mehr direkt weitergeben, stattdessen ist die Gesellschaft darauf angewiesen, ihre Erinnerungsbestände in dauerhafte Speicher zu überführen – es geht um den Übergang vom kommunikativen Gruppengedächtnis in ein dauerhaftes kulturelles Gedächtnis, das nicht mehr aus den individuellen Gedächtnissen der Einzelnen gebildet, sondern von kulturellen Erzeugnissen wie Denkmälern, Büchern, Archiven, Filmen usw. gestützt wird. In dem Masse, in dem dieser Übergang spätestens in den 1980er Jahren problematisch wurde, interessierten sich die kulturwissenschaftlichen Fächer genauso wie die Psychologie oder die Neurowissenschaften für das Thema „Gedächtnis“. In Deutschland stehen vor allem der Ägyptologe Jan Assmann und die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann für die intensive Beschäftigung mit den Phänomenen des kollektiven und des kulturellen Gedächtnisses. In diesem gedanklichen Umfeld wurde auch der Begriff der “Erinnerungsorte“ populär. Gleichzeitig konnten die Kulturwissenschaften auf ältere Vorarbeiten zurückgreifen: etwa auf die Werke des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, der in den 1930er Jahren den Begriff der „Mémoire collective“ entwickelt und profunde Überlegungen zum Zusammenhang von Orten, Raum und kollektivem Gedächtnis angestellt hatte, oder auf die Überlegungen des Kunsthistorikers Aby Warburg, der über die Tradierung künstlerischer Formenrepertoires über die Jahrhunderte hinweg nachgedacht hatte.Je häufiger der Begriff der Erinnerungsorte verwendet wurde, desto mehr veränderte er sich auch: Er wurde in anderen Zusammenhängen angewendet, er wurde hier verbreitert, dort extrem verengt, und im Zuge dieser Veränderungen gewann er an Profil und an wissenschaftlichem Nutzen. In Österreich etwa konkurrieren zwei Unternehmungen um das Begriffserbe: die eher behäbig daherkommenden drei Bände der „Memoria Austriae“ tragen das österreichische Gedächtniserbe in repräsentativ aufgemachter, also kaminsimsfähiger Form zusammen; das Projekt „Orte des Gedächtnisses“ bei der Kommission für Kulturwissenschaften versucht dagegen, die Uneindeutigkeit, Umstrittenheit und Gebrochenheit des kollektiven Gedächtnisses herauszustellen. Hier spiegeln sich zwei diametral entgegengesetzte Herangehensweisen wider: Sammelt man Erinnerungsorte, um sich seiner Identität zu vergewissern und zur positiven Sinnstiftung beizutragen? Oder dient die Erforschung der Erinnerungsorte im Gegenteil dazu, Gewissheiten zu erschüttern und unhinterfragte Mythen zu problematisieren?Vor ein ähnliches Problem sieht sich die schweizerische Geschichtswissenschaft gestellt: sobald sie beginnt, sich in den Erinnerungsorten mit den Grundlagen des schweizerischen Selbstbewusstseins auseinanderzusetzen, setzt sie sich dem Vorwurf der Mythenstürmerei aus. Konsequenterweise gibt es in der Schweiz mit ihrer sehr lebendigen Mythenlandschaft bisher keine wissenschaftliche Sammlung von Erinnerungsorten – ähnlich wie in den osteuropäischen Ländern, in denen der Kampf um die „richtige“ Interpretation der Vergangenheit zu politisch und zu virulent ist, als dass er eine distanziert-wissenschaftliche Betrachtungsweise erlauben würde. Erinnerungsorte, so kann man daraus schliessen, bilden den Schauplatz für einen unter Umständen erbitterten und immer sehr gegenwärtigen Kampf um die Deutung und Bedeutung der Vergangenheit in einer Gesellschaft. Ob die eigenen Geschichtsdeutungen und Mythen als Erinnerungsorte befragbar sind, hängt ab vom Zustand der Erinnerungskultur einer Gemeinschaft.Meine Arbeit versucht, den Begriff der Erinnerungsorte auf verschiedenen Wegen zu klären: historisch, indem die Entstehung des Begriffes in der französischen Geschichtswissenschaft beleuchtet und seine Prägung aus der antiken Gedächtniskunst nachgezeichnet wird; sprachlich, indem der Irritation nachgegangen wird, die der Begriff auslöst: wie kann ein vermeintlich geographisch-konkreter Begriff wie der des Erinnerungsortes gleichermassen für Daten („17. Juni“), Ereignisse („Bauernkrieg“), Personen („Goethe“) oder gar so abstrakte Gegenstände wie die Idee des Gesangsvereins verwendet werden? Schliesslich historiographiegeschichtlich, indem die unterschiedlichen Verwendungen des Begriffes in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft untersucht und auf ihre spezifischen Eigenheiten befragt werden. Dabei wird deutlich, dass nicht jede Verwendung des Begriffes gerechtfertigt ist: Er taugt vor allem dazu, eine Vergleichsebene herzustellen, auf der die unterschiedlichsten Phänomene der Erinnerungskultur einer Gruppe untersucht werden können. Sinnlos ist seine Verwendung dort, wo es um die detaillierte Untersuchung einzelner Gedächtnisphänomene geht, denn hier gibt es meistens präzisere und daher besser geeignete Begriffe.Die Arbeit identifiziert fünf Achsen oder Spannungsverhältnisse, mit deren Hilfe die konkreten Begriffsverwendungen präzise verortet werden können: Geht es erstens um die Tiefenanalyse eines einzigen Gedächtnisortes, oder wird eine Erinnerungslandschaft vermessen? Wie gestaltet sich zweitens das Verhältnis von erinnerndem Individuum und Gedächtnisgemeinschaft, wie lässt sich die untersuchte Gruppe sinnvoll abgrenzen? Wie werden drittens die zu untersuchenden Objekte identifiziert, durch quantifizierende Verfahren oder durch blosse Behauptung ihrer Relevanz? Auf der vierten Achse gerät die Zielsetzung in den Blick: Verfolgt die Untersuchung eine kritische Intention, oder soll sie affirmativ wirken? Verfährt sie analytisch, oder versucht sie durch die Propagierung erwünschter Erinnerungsorte normativ auf das Selbstbild der anvisierten Gruppe zu wirken? Zuletzt steht das Publikum im Fokus: richtet sich die Untersuchung auf die Teilnahme an der wissenschaftlichen Debatte, oder zielt sie auf ein breiteres Publikum? Ist die Untersuchung also ein Werk der historischen Forschung oder eines der Vermittlung von Geschichte?Der wissenschaftliche Nutzen der Arbeit liegt in der Klärung eines weitläufig verwendeten und oft mangelhaft durchdachten Begriffs. Zudem kann die Arbeit dort als Referenz dienen, wo die Karriere des Begriffs nachvollzogen, seine Herkunft geklärt und der Nutzen seiner Anwendung abgeschätzt werden soll. Schliesslich handelt es sich bei den „Lieux de Mémoire“ um ein prominentes Beispiel für den französisch-deutschsprachigen Kulturaustausch: französische Wissenschaftler haben die höchst lebendige Debatte um das kollektive Gedächtnis begrifflich geprägt, deutschsprachige Wissenschaftler haben sie inhaltlich entscheidend vorangetrieben: Lieux de Mémoire bzw. Erinnerungsorte sind das thematische Feld, auf dem der wissenschaftliche Austausch im Detail nachvollzogen werden kann.
Tilmann Robbe: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung. Erinnerungsorte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Göttingen: V&R unipress 2009 (Formen der Erinnerung, Bd. 39), 260 S.,  ~65,00 sFr / 39,90 Euro.
Advisors:von Greyerz, Kaspar
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Geschichte der frühen Neuzeit (von Greyerz)
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:28
Deposited On:06 Feb 2018 11:28

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