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«Blutiglen» - «keine Tiere, sondern Menschen». Juden in der Markgrafschaft Baden-Baden

Mohr, Günther. «Blutiglen» - «keine Tiere, sondern Menschen». Juden in der Markgrafschaft Baden-Baden. 2010, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60411/

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Abstract

Die Dissertation mit dem Titel «Blutiglen» – «Menschen, keine Tiere. Juden in der Markgrafschaft Baden-Baden 1648-1771» wendet sich der Judenschaft eines kleinen, Territoriums in der Zeit vom Westfälischen Frieden bis zum Ende der Markgrafschaft zu. (1771 gingen die Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach in der wieder vereinigten Markgrafschaft Baden auf.) Jüdische Bevölkerungsteile gab es in Orten zwischen Ettlingen und Bühl, im Kernland der Markgrafschaft um die Residenzen Baden-Baden, später Rastatt, in Gernsbach, einem badisch-speyrischen Kondominat, in den Ämtern Mahlberg und Staufenberg nördlich der Landgrafschaft Ortenau, im elsässischen Amt Beinheim (unter französischen Oberhoheit). Vereinzelt lebten jüdische Familien noch in weiteren kleinen Orten. Im Kerngebiet um die Residenzen galt im 18. Jahrhundert eine Obergrenze von 42 Familien, dazu kamen ungefähr 20 bis 25 Familien in den anderen Gebieten. In die Untersuchung eingeschlossen sind jüdische Menschen von außerhalb der Markgrafschaft, die sich in ihr aus vielerlei Gründen kürzere oder längere Zeit aufhielten. 
Mit alltags-, mikrogeschichtlichen und mentalitätsgeschichtlichen Zugängen, vor allem mit dem Konzept der Lebenswelten, nimmt die Untersuchung viele Juden und Jüdinnen als Akteure und Akteurinnen in den Blick, die ihre Existenz in der christlichen Mehrheitsgesellschaft der agrarisch bestimmten, betont katholischen Markgrafschaft zu sichern versuchten. Als wichtigste Quellenbasis dienen bei dieser Untersuchung die Protokolle des Geheimen Rat, des Hofrats und der Hofkammer.
Ihren Ausgang nimmt die Arbeit vom Leben Hajum Flörsheim, einem Schutzjuden in der Stadt Baden-Baden, der ungefähr 1707 in die Markgrafschaft kam und bis 1728 über seine wirtschaftlichen Tätigkeiten mit dem Hof in vielfältiger Weise verbunden war. Einige Jahre amtierte er auch als Judenschultheiß. Seine Existenz führt zu zentralen Aspekten jüdischen Lebens, die im Folgenden untersucht werden.
An den Schutzaufnahmen sind die vielfältigen Wege nachweisbar, auf denen Bewerber um das Schutzrecht mit Erfolg vorgingen, aber auch scheiterten. Sie mussten sich dabei gegen viele Schwierigkeiten in der christlichen Bevölkerung und bei der Regierung durchsetzen. Zeitweise war die Existenz der Schutzjuden in der Markgrafschaft sogar gefährdet, als die Regierung über ihre «Eliminirung» mit einem Ende der Schutzaufnahmen nachdachte. Während unter Markgraf Ludwig Wilhelm bis zur Wende zum 18. Jahrhundert die Zahl der Schutzjuden stieg und einige Juden als Hofjuden Bedeutung erhielten, beschränkte seine Witwe in ihrer betont katholischen Haltung die Rolle der Juden und erschwerte ihre Möglichkeiten bewusst; ihre Söhne zeigten eine wechselnde Einstellung zu den Juden.
Deren wirtschaftlichen Grundlagen bestanden im meist kleinen Handel und im Kreditgewerbe, das allerdings in seiner Bedeutung den kirchlichen Kreditgebern weit nachstand. Einigen Schutzjuden mit Ladengeschäften gelang der wirtschaftliche Aufstieg. Immer wieder gab es Admodiateure, die Geschäftsbereiche, auch im Gewerbe, von der Regierung in Pacht übernahmen und sie zum fiskalischen Nutzen der Regierung fördern sollten. Das gilt auch für Juden von außerhalb der Markgrafschaft, die wie viele Schutzjuden auch im Handel mit dem Hof tätig wurden. Oft scheiterten die jüdischen Akteure an strukturellen Hindernissen, an der katholisch geprägten Wirtschaftsmentalität und an Behinderungen durch die Regierung. Frauen werden als wirtschaftliche Akteure erkennbar, die mit ihren Männern mitarbeiteten und sie vertraten. In einigen Fällen führten sie nach dem Tod ihres Mannes selbständig einen kleinen Handel mit Kramwaren weiter. 
Besonders unter dem Druck der steuerlichen Belastungen (des Schutzgeldes, der «Pflastersteuer» für die Residenz Rastatt, der Abzugsgelder und weiterer Abgaben) verarmte die Mitte der kleinen jüdischen Gesellschaft. Gerade erfolgreiche Juden wechselten nach Karlsruhe, der Hauptstadt der benachbarten Markgrafschaft Baden-Durlach mit ihren günstigeren Voraussetzungen. 
Die Juden in der Markgrafschaft lebten in enger Nachbarschaft mit den Christen, Haus an Haus, manchmal unter einem Dach. Die Regierung und zeitweise auch die lokale Geistlichkeit und die Krämerzünfte (aus wirtschaftlichen Motiven) suchten das Zusammenleben mit den christlichen Nachbarn zu kontrollieren und sie von der Mehrheitsgesellschaft zu separieren. Zentrale Auseinandersetzungen gab es im lokalen Raum um die Kirche, um den Markt und in der Hauptstraße. Hier versuchten die Schutzjuden immer wieder ihre Anwesenheit, ihr Recht auf Hausbesitz zu stabilisieren und ihre Bedingungen für den Handel gerade mit einer umfassenden Supplik in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts, in Teilen erfolgreich, zu verbessern. 
In der christlichen Bevölkerung und bei der Regierung existierte ein Geflecht von antijüdischen Vorstellungen, das Züge von Kontinuität aufweist, in dem jedoch auch wechselnde Schwerpunkte erkennbar sind. Gegen die Stereotypen entfalteten die Schutzjuden ihr Selbstbild: Sie erhoben den Anspruch, für die christlichen Einwohner nützlich zu sein und mit ihnen in aller Ehre zusammenzuleben. In ihrer Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung werden immer wieder Juden und Jüdinnen als Akteure und Akteurinnen erkennbar, die in Nähe und Distanz zur christlichen Bevölkerung lebten, ihre Chancen zur Lebenssicherung selbstbewusst ergriffen und dabei sich ihren religiösen Vorstellungen, vor allem der Wohltätigkeit, verpflichtet fühlten. 
Die Schutzjuden der Markgrafschaft versuchten diese ihre Autonomie vor allem im Recht und als Landjudenschaft zu erhalten, mit der Wahl von örtlichen Schultheißen, mit der Anstellung von Lehrern und unter Hinzuziehung, zeitweise auch vertraglicher Bindung von Rabbinern aus benachbarten Territorien. Immer wieder machten ihnen Teile der Bevölkerung und die Regierung besonders bei der Abhaltung von Gottesdiensten in Beträumen Schwierigkeiten, die ihre lokalen Repräsentanten in ihren Häusern einrichteten. Allerdings gab es auch innerhalb der Judenschaft viele Konflikte gerade mit den Schultheißen und Oberschultheißen, in denen die Schutzjuden gegen ihre Repräsentanten mit ihren Funktionen im Dienst der Herrschaft ihre Interessen verteidigten. 
In drei Fallstudien zeigen sich die Probleme, die das Leben einzelner Männer und Frauen prägten: eines «Rabbiners», dessen religiös-rechtlicher Kenntnisse sich die Judenschaft bediente, den die Regierung aber immer wieder des Diebstahls verdächtigte, einer Magd, die unverheiratet ein Kind bekam, und eines Paares aus einem jüdischen Witwer und der Witwe eines nichtjüdischen Wilderers. 
Bei wirtschaftlich erfolgreichen Schutzjudenfamilien entwickelte sich ein besonderer Habitus mit Zügen einer betont aktiven, das religiöse Leben und die innerjüdische Solidarität bewahrenden Existenz. Auch bei armen Juden wurden mit dem Fortschreiten des 18. Jahrhunderts Gedanken deutlich, die auf menschenrechtliche Vorstellungen hindeuten. 
Maria Josepha, der Tochter des zeitweiligen Judenschultheißen Hayum Flörsheim, lebte als «getaufte Jüdin» eine Zeitlang in einem Kloster, das sie allerdings nach einer schweren Krise verließ. Ihre Integration in die christliche Mehrheit gelang nicht auf Dauer. Insofern repräsentiert sie eine kleine Anzahl von Konvertiten und Konvertitinnen, deren Existenz trotz einer beschränkten Hilfe seitens der fürstlichen Familie durch die immer wieder laut werdenden antijüdischen Stereotypen und Abgrenzungen belastet wurde.
Insgesamt werden an vielen Einzelschicksalen Motivationen, Denkweisen, Strategien und Verhaltensformen der jüdischen Akteure und Akteurinnen, teilweise im Vergleich mit christlichen, konkret nachvollziehbar. Die ländliche Judenschaft, dies wird deutlich, existierte in zahlreichen Beziehungen mit der christlichen Gesellschaft und entwickelte ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihre Rechte und die Möglichkeiten zur Sicherung ihrer Existenz.
Advisors:Haumann, Heiko
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Osteuropäische und neuere Geschichte (Haumann)
UniBasel Contributors:Haumann, Heiko
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Doctoral Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:38
Deposited On:06 Feb 2018 11:27

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