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Der Körper des Princeps. Zur Problematik eines monarchischen Körpers ohne Monarchie

Meister, Jan. Der Körper des Princeps. Zur Problematik eines monarchischen Körpers ohne Monarchie. 2010, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60387/

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Abstract

Die individuelle Körperlichkeit der frühen römischen Kaiser ist in der Überlieferung auffallend präsent: sei es in Form stark individualisierter Bildnisse oder in literarischen Texten, die sich selbst mit scheinbar skurrilen Details wie den Proportionen kaiserlicher Zehen befassen. Dennoch fehlt bislang eine althistorische Arbeit, die diesen Befund zu analysieren versucht. Die vorliegende Dissertation möchte diese Lücke schließen.
Ausgehend von Ernst Kantorowiczs berühmter Studie zu den zwei Körpern des Königs wird die These aufgestellt, dass im römischen Principat von gänzlich anderen Voraussetzungen auszugehen ist. Denn anders als die traditionalen Monarchien des spätmittelalterlichen Europas zeichnete sich das römische Principat just dadurch aus, dass der Herrscher nicht als Monarch erscheinen durfte, sondern sich nominell als «Privatmann» in die Strukturen der res publica einzufügen hatte. Dies hatte zur Folge, dass im frühkaiserzeitlichen Rom das Konzept eines monarchischen «body politic» undenkbar war und dass auf einer performativen Ebene ein Zeremoniell oder Insignien fehlten, die es erlaubt hätten, einen solchen Körper physisch sichtbar werden zu lassen. Stattdessen hatte sich der Princeps an den Körpern der römischen Aristokratie zu orientieren, also bewusst die Rolle eines Senators zu spielen – ein Spiel freilich, das alle Beteiligten durchschauten. Dies wiederum führte dazu, dass Kleidung und Performanz – die bei Kantorowicz als monarchischer Pomp den «body politic» des Königs symbolisieren können – eben gerade nicht in der Lage waren, den monarchischen Charakter des Princeps zum Ausdruck zu bringen, sondern sich an den republikanischen Verhältnissen orientieren mussten. Dies, so die abschließende These, hatte zur Folge, dass Kleidung und Performanz zunehmend als Kostüm und als intentional gespielte Rolle gesehen wurden, während die individuelle Körperlichkeit des Kaisers – bei Kantorowicz der «body natural» – in ganz neuer Form diskursfähig wurde, sei es als Ort der Projektion monarchischer Vorstellungen, sei es als Ort der Dekonstruktion solcher Vorstellungen.
Diese These wird in einem theoriegeleiteten Ansatz erhärtet, der sich an den aktuellen Debatten zur Körpergeschichte, insbesondere an den Arbeiten Pierre Bourdieus, orientiert. In einem ersten Teil wird die Bedeutung (männlicher) aristokratischer Körper in der späten Republik untersucht. Eine Analyse des verhältnismäßig reichhaltigen Quellenmaterials führt zum Ergebnis, dass der römischen Aristokratie ein verbindliches, als normativ anerkanntes ästhetisches Körperideal fehlte. Dies lässt sich durch die hohe Symbolhaftigkeit der römischen Kleidung erklären, die römische Körper buchstäblich verhüllte, und durch die hohe Wertschätzung des Alters, die im Umkehrschluss der gesellschaftlichen Wertschätzung von Jugendlichkeit und physischer Schönheit entgegenwirkte. Dennoch begegnen in spätrepublikanischen Texten verschiedentlich normative Aussagen über Körper und Körperästhetik, die auf den ersten Blick einem elitären Habitus im Sinne Bourdieus sehr ähnlich scheinen. Eine genaue Lektüre der Quellen zeigt freilich, dass die Sache nicht so einfach ist: Die Aristokratie der späten Republik verfügte nicht über ein, sondern über zwei – antithetisch konstruierte – Körperideale, die in der Praxis dazu führten, dass römische Aristokraten sich in vielen Punkten bewusst zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Ein Konsens innerhalb der Elite, wie man als Aristokrat seinen Körper zu ästhetisieren hatte, gab es nicht. Antike Invektiven über das vermeintlich ungebührliche Auftreten einzelner Akteure zeugen denn entgegen des ersten Anscheins gerade nicht vom Vorhandensein eines normativen elitären Körperideals, sondern belegen im Gegenteil dessen Fehlen. Dieser Befund lässt sich mit dem kulturellen und personellen Transformationsprozess, in dem sich die spätrepublikanische Aristokratie befand, plausibel erklären. Dieses Fehlen eines einheitlichen Körperideals bei einer gleichzeitig sehr hohen Symbolhaftigkeit von Kleidung und performativen Interaktionssituationen führte zu einer besonderen Form der Körperwahrnehmung: Statusrelevant waren Kleidung und Performanz, während die individuelle Körperlichkeit einen weitgehend normfreien Raum darstellte.
In einem zweiten Teil wird dann untersucht, wie sich diese Wahrnehmung durch das Auftauchen eines kaiserlichen Körpers verändert. Die verschiedentlich in der kaiserzeitlichen Literatur fassbaren Anekdoten über die besonderen Körper einzelner Principes werden mit Max Weber als ein Indiz charismatischer Herrschaft gedeutet. So musste sich der Princeps einerseits innerhalb der traditionalen oder legalen Strukturen der res publica gegenüber der alten Aristokratie legitimieren, andererseits wollten aber breite Teile der Reichsbevölkerung und vor allem die Soldaten in ihm eine charismatische Führerfigur sehen. Berichte über wundersame Muttermale auf der Brust des ersten Princeps und seine außergewöhnliche Schönheit entsprachen diesem Bedürfnis ebenso wie der Umstand, dass es nun zu einer gängigen Form der Invektive wurde, gestürzte Kaiser als hässlich und körperlich unzulänglich zu verspotten: Die individuelle Körperlichkeit war nun nicht mehr ein normfreier Raum im Körperdiskurs, sondern konnte als Indikator legitimer Herrschaft eine neue, durchaus politische Bedeutung erlangen. Die republikanische Aristokratie kam daher nicht umhin, auf diese neuartige Diskursfähigkeit des Körpers zu reagieren. In den moralischen Traktaten und den historiographischen Schriften römischer Senatoren lassen sich denn auch verschiedene Strategien beobachten, mit derartigen Vorstellungen umzugehen. Letztlich handelt es sich um eine Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Konzepte: Die neue Vorstellung eines charismatischen Herrscherkörpers steht im Widerspruch zum nach wie vor dominierenden alten Körperdiskurs, und trotz erheblicher Anstrengungen gelingt es den einzelnen Autoren nicht immer, diese Widersprüche zu überbrücken. Ein analoges Phänomen zeigt sich im metaphorischen Sprachgebrauch, wo das corpus principis in Konkurrenz zum traditionellen Bild eines corpus rei publicae tritt – beide mit dem Anspruch, das Gemeinwesen zu symbolisieren, und beide mit dem Anspruch auf aeternitas. Letzteres verdichtet sich dann gewissermaßen im Begräbniszeremoniell der toten Kaiser, das sowohl als monarchisches als auch als republikanisches Ritual verstanden werden kann.
Doch die verschiedenen Vorstellungen und Erwartungen, die an den Princeps herangetragen und auf ihn (und seinen Körper) projiziert wurden, wirkten sich auch ganz konkret in der Praxis aus: Der Kaiser stand vor dem Problem, dass er auf herrschaftliche Insignien und monarchisches Zeremoniell verzichten und stattdessen den Habitus normaler Senatoren imitieren musste. Doch just dadurch verlor dieser Habitus (auf den Princeps bezogen) seine vermeintliche Natürlichkeit und wurde von den Zeitgenossen als bewusst inszeniert und unnatürlich wahrgenommen. Damit verkam die Toga des Princeps zum Kostüm, sein Verhalten in Interaktionssituationen wurde nicht mehr als Fleischwerdung der Rangverhältnisse, sondern als deren gezielte Vertuschung empfunden. Umgekehrt wurden Statuen und Bilder des Princeps zu eigentlichen Ersatzkörpern. Gemäß den Konventionen, welche die Römer im Umgang mit Bildern pflegten, war es hier durchaus möglich, den Princeps in Götterpose darzustellen und seine Bildnisse in kultisches Zeremoniell einzubinden. Während also der reale Körper des Princeps den Privatmann spielte und seine monarchische Stellung zu verschleiern suchte, konnten seine Bildnisse die tatsächliche Machtposition des Kaisers sehr viel besser zum Ausdruck bringen. Dadurch wurden die statuarischen Ersatzkörper des Princeps plötzlich sehr viel wirklicher als sein realer Körper.
Dieser Umstand wirkte sich auf verschiedenen Ebenen aus. So hatten einerseits senatorische Autoren Angst davor, dass «schlechte» Kaiser sich ihren Statuen angleichen und damit die Unterscheidung zwischen bildlicher Fiktion und vermeintlicher Wirklichkeit einreißen könnten. Andererseits waren auch «gute» Kaiser in dauernder Sorge, dass man ihnen ihre republikanische Rolle nicht abnehmen, bzw. dass die Umgebung nicht mitspielen könnte. So finden sich denn in den Quellen zahlreiche Hinweise, dass einzelne Principes sich bewusst der Öffentlichkeit entzogen, da sie befürchten mussten, rein durch ihre physische Anwesenheit unkontrollierbare Reaktionen und Ehrbekundungen hervorzurufen, welche die monarchische Stellung des Kaisers in einer Art und Weise hätten deutlich werden lassen, die mit dem für die Aristokratie nach wie vor alternativlosen Weltbild der res publica nicht zu vereinbaren gewesen wäre. Dieses Bewusstsein dafür, dass der Kaiser etwas spielt, was er nicht ist, zeigt sich auch in der senatorischen Geschichtsschreibung, wo die Ausführungen über die kaiserliche dissimulatio geradezu topischen Charakter annehmen: Selbst scheinbar natürliche Regungen wie schamhaftes Erröten werden als intentionale Täuschung angesehen. Der Körper des Princeps drohte somit sich jeglicher Definition zu entziehen – Bilder und Texte repräsentieren diesen Körper auf verschiedenste Weisen, gleichzeitig wurde der reale Körper, den sowieso nur eine Minderheit aus der Nähe zu sehen bekam, als unwirklich wahrgenommen.
Vor diesem Hintergrund können die detaillierten Körperbeschreibungen in den Kaiserbiographien Suetons nicht mehr, wie in der älteren Forschung teils mit viel moralischem Pathos geschehen, als Zeichen des Niedergangs der römischen Literatur abgetan werden: Indem Sueton die Körper der Kaiser genau beschreibt, versucht er letztlich, diese undefinierbar gewordenen Körper im Sinne der stadtrömischen Aristokratie neu zu definieren. In einer genauen Lektüre kann gezeigt werden, wie Sueton aus verschiedensten Quellen Körper zusammenbastelt, die seinem Weltbild entsprechen, und dabei gleichzeitig andere Bilder vom Körper des Princeps autoritativ zu widerlegen versteht. Die eingangs erwähnten Proportionen kaiserlicher Zehen sind somit zwar noch immer ein skurriles Detail, doch das Interesse, das der Biograph und seine zeitgenössischen Leser daran hatten, wird historisch erklärbar.
Advisors:von Ungern-Sternberg, Jürgen
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Altertumswissenschaften > Fachbereich Alte Geschichte
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:26
Deposited On:06 Feb 2018 11:26

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