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Burgenforschung und Nationalismus. Eine Untersuchung zu Wissenschaft, Habitus und Politik

Link, Fabian. Burgenforschung und Nationalismus. Eine Untersuchung zu Wissenschaft, Habitus und Politik. 2012, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60340/

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Abstract

Die vorliegende, unter der Betreuung von Prof. Dr. Christian Simon und Prof. Dr. Josef Mooser entstandene Dissertation besteht aus sechs Teilen. Teil I beinhaltet Forschungsstand, Fragestellung, Arbeitshypothesen, theoretischen Ansatz und Quellenkritik. Teil II besteht aus einer Darstellung der Bedeutung von Burgen für NS-Ideologen und einer Analyse des Verhältnisses und der Entwicklung von NS-Wissenschafts- und Kulturpolitik und wissenschaftlichem Feld, worin zum Schluss die Burgenforschung eingebettet wird. In Teil III werden die Laufbahnen dreier Burgenforscher untersucht und in die Geschichte ihrer Fächer und Forschungsbereiche im NS-Regime eingebunden. Teil IV thematisiert die Forschungspraxis. Darin wird die methodische und theoretische Entwicklung in der Burgenforschung während der NS-Herrschaft aufgezeigt. Drei abschließende Kapitel bilden den Teil V. In Teil VI sind Abbildungen, Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis, Bibliografie und die Danksagung aufgeführt. Die wichtigsten Ergebnisse werden nachfolgend dargestellt.
Burgen und Schlösser gehörten zum mythischen Weltbild von NS-Ideologen. Daraus ergaben sich vielfältige Verwendungszwecke für Burgen und Schlösser. Die historischen Wehrbauten dienten NS-Politikern als Erziehungsstätten für den NS-Führernachwuchs, sie spielten eine bedeutende Rolle für die SS als Schulungszentren oder als Lagerstätten für geraubtes Kulturgut und sie waren wichtig für das NS-Kulturkonzept. Dadurch ergaben sich Kopplungen zwischen Denkmalpflegern, Wissenschaftlern und dem NS-Regime. Die NS-Politiker benötigten Expertisen und Hilfestellungen von Wissenschaftlern und Denkmalpflegern beim Kauf von Burgen und bei deren Ausgestaltung. Die Arbeit von Burgenforschern und Denkmalpflegern hatte demnach Relevanz für die NS-Politik.
Die Hypothese, dass Burgenforschung zu den förderungswürdigen Wissenschaften gehörte und aus diesem Grund mit einem Ausbau dieses Forschungsbereichs während der NS-Herrschaft zu rechnen ist, bildet die Basis für die Analyse des Verhältnisses von Wissenschaftsfeld und NS-Wissenschafts- und Kulturpolitik. NS-Wissenschafts- und Kulturpolitiker förderten zu Beginn des NS-Regimes vor allem solche Wissenschaftler, die als «völkische Fantasten» galten. Gleichzeitig wurden jüngere, gut ausgebildete Forscher begünstigt, die aufgrund der Knappheit an Stellen vor 1933 schlechte Aussichten auf beruflichen Erfolg gehabt hatten. Mit der Kriegsvorbereitung des NS-Regimes, initiiert durch Hermann Görings «Vierjahresplan» von 1936, schwenkten die NS-Politiker auf einen anderen Kurs um. Sie benötigten nun wissenschaftlich plausibles Wissen, um die militärische Schlagkraft NS-Deutschlands zu steigern. Wissenschaftler mit irrationalen Ideen wurden fortan nicht mehr gefördert. Auch während des Zweiten Weltkriegs waren solche Forscher relevant, die über eine internationale Reputation verfügten und wissenschaftlich plausibles Wissen anboten. Besonders Geistes- und Kulturwissenschaftler sollten die Dominanz des NS-Regimes in Europa wissenschaftlich legitimieren, die vorgebliche Überlegenheit deutscher Wissenschaft demonstrieren und Expertisen zu den von NS-Politikern beabsichtigten Bevölkerungsverschiebungen und dem zu verlagernden Kulturgut erstellen.
Die Burgenforschung gehörte im NS-Regime zu den förderungswürdigen Wissenschaften. Burgenforscher hatten konkrete Forschungsgegenstände und ihre Forschungen konnten leicht popularisiert werden, was NS-Wissenschaftspolitiker positiv beurteilten. Obwohl viele Burgenforscher bereits vor 1933 ‚völkische‘ und ‚rassische‘ Denkfiguren vertreten hatten, wurden sie im Wissenschaftsfeld nicht als «völkische Fantasten» angesehen. Im NS-Regime existierten zwei Varianten der Förderung von Burgenforschung. Entweder wurden die Wissenschaftler direkt von Angehörigen der NS-Elite gefördert oder sie erhielten Unterstützungen durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Wissenschaftler, die von der DFG im NS-Regime unterstützt wurden, gehörten ausnahmslos zu den Nachwuchsforschern, womit Angehörige der Jahrgänge 1900-1910 («Kriegsjugendgeneration») und 1910-1920 («Nachkriegsgeneration») gemeint sind. Diese akademischen Generationen wiesen einen bestimmten Habitus auf, der auf spezifische soziale Prägungen zurückging. Dazu gehörten Sachlichkeit, radikalkonservative Ansichten und das Interesse an «völkischen Fragen».
Obwohl Burgenforscher von der NS-Politik profitierten, lässt sich kein struktureller Ausbau der Burgenforschung festmachen. Einzig in den fächerübergreifenden geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsverbünden, den Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften (VFG), ist ein Anstieg der Burgenforschung in den 1930er Jahren deutlich festzustellen. Allerdings war nicht die Burgenforschung an sich für die VFG zentral, sondern ihr Potential zur Kopplung mit anderen Fächern, so vor allem mit der Geographie und der Landesgeschichte, was eine methodische und inhaltliche Ausweitung ‚völkisch‘ orientierter Fragestellungen ermöglichte.
In den Kapiteln 4-6 werden die Laufbahnen von drei Wissenschaftlern analysiert. Bodo Ebhardt, Gotthard Neumann und Walter Hotz stehen exemplarisch für verschiedene Forschungsbereiche, nämlich außerakademische Burgenforschung, vor- und frühgeschichtliche Archäologie und kunst- und landeshistorische Burgenforschung. Am Beispiel von Bodo Ebhardt wird deutlich, dass die Förderung der Heimat- und Laienforschung in den 1920er und 1930er Jahren die Differenzen zwischen Laienforschern und akademischen Wissenschaftlern nicht aufhob. Die finanziellen Unterstützungen von Seiten der NS-Politiker, die Ebhardt infolge seiner Annäherungsstrategie an das NS-Regime mobilisieren konnte, verschärften die Differenz zwischen ihm und der akademischen Wissenschaft. Burgenforschung als solches blieb im außerakademischen Bereich angesiedelt.
Im Falle der beiden anderen Wissenschaftler ist die Sachlage komplexer. Für Gotthard Neumann bedeutete die archäologische Erforschung von Burgen eine Erweiterung des fachlichen Horizonts der Vor- und Frühgeschichte. Diese Perspektive resultierte aus der spezifischen Lage der Prähistorie als wissenschaftliches Fach innerhalb des akademischen Felds. Die prähistorische Archäologie war zur Zeit des Machtwechsels 1933 noch nicht vollständig an den deutschen Universitäten etabliert. Da viele NS-Ideologen dem Germanenkult große Bedeutung zumaßen, sahen Prähistoriker im NS-Regime die Möglichkeit, mit Unterstützung der NS-Politiker ihren Forschungsbereich zu institutionalisieren. Neumann war also daran interessiert, sein Fach an der Universität Jena, an der Neumann wirkte, fest zu verankern. Teil dieser Strategie war, Forschungsobjekte, die bislang eher von Wissenschaftlern anderer Fachbereiche erforscht wurden, in den Untersuchungsbereich der Vor- und Frühgeschichte einzugliedern. Dazu zählten auch Mittelalterburgen.
Walter Hotz dagegen verfolgte das Ziel, Burgen als Thema und Forschungsschwerpunkt innerhalb der Kunstgeschichte zu etablieren. Obwohl er nach der Dissertation zunächst keine akademische Laufbahn einschlug, eröffnete ihm der Kunsthistoriker Hubert Schrade in Heidelberg die Möglichkeit, sich zu habilitieren, allerdings nicht mit einem burgenkundlichen Thema. Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Habilitationspläne. Hotz wurde in die Wehrmacht eingezogen und konnte nach 1945 seine Karriere in der Kunstgeschichte nicht weiterführen, da er als kompromittiert galt. Infolgedessen entschied er sich für den Pfarrersberuf – sein Zweitfach war Theologie gewesen –, um seine Existenz zu sichern und trotz des akademischen Misserfolgs weiter über Burgen zu forschen. Hotz wurde also in die Laienforschung abgedrängt.
In Kapitel 7 wird am Beispiel von zwei wissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Großunternehmen der 1930er Jahre – die Burg Trifels in der Pfalz und die Reichsburg Kyffhausen in Thüringen – die methodische Entwicklung in der Burgenforschung behandelt und die Zusammenarbeit zwischen NS-Politikern und Wissenschaftlern beleuchtet. Für die Burgenforschung, deren Forschungspraxis durch verschiedene Forschungsbereiche bestimmt war, stellt sich die Frage, ob die Förderungen der NS-Politiker zur Entstehung einer interdisziplinären Forschungspraxis geführt hatte. Die beiden Großunternehmen eignen sich für eine Untersuchung dieser Problemstellung, da Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche daran beteiligt waren. Zudem wurden beide Unternehmen von NS-Politikern angestoßen und finanziert.
Obwohl die finanzielle Unterstützung in beiden Fällen großzügig ausfiel, lässt sich in der Forschungspraxis die Anwendung einer einheitlichen Methode nicht ausmachen. Zur Begründung dieses Sachverhalts können mehrere Aspekte angeführt werden. Die jeweiligen Methoden waren stark an bestimmte Forschungsgegenstände gebunden. Kunsthistoriker untersuchten das aufgehende Mauerwerk, Archäologen die Bodenstrukturen und die Fundobjekte. Diese Tendenz wurde durch die fehlende wissenschaftliche Autonomie, die bei den Arbeiten herrschte, verstärkt. Die beiden Initianten der Untersuchungen und der Restaurierungen, der NS-Ministerpräsident Bayerns Ludwig Siebert und der «Führer» des NS-Reichskriegerbunds Kyffhäuser Wilhelm Reinhard, nahmen Mitspracherecht für sich in Anspruch. Die Wissenschaftler und Denkmalpfleger wetteiferten bei den NS-Politikern um die verfügbaren Gelder und arbeiteten daher eher gegen- als miteinander. Es hat sich auch gezeigt, dass Methoden wie diejenigen der Archäologie nicht auf jeden materiellen Forschungsgegenstand übertragbar waren. Da die Burgenforschung keine eigenen Methoden aufwies, wären vielfältige Transformationen von bereits bestehenden Methoden in einen neuen Methodenkanon nötig gewesen, der die verschiedenen Quellengattungen miteingefasst hätte.
Im ersten Schlusskapitel wird konstatiert, dass die nicht erfolgte Homogenisierung der Burgenforschung nicht an einer unzureichenden Förderung durch die NS-Politik lag, sondern darin begründet war, dass das disziplinäre Kräfteverhältnis im Wissenschaftsfeld für die Bildung eines solch interdisziplinären Fachbereichs hinderlich war. Eine wissenschaftssoziologische Analyse zeigt, dass der Burgenforschung maßgebende Elemente eines wissenschaftlichen Fachs fehlten.
Im zweiten Schlusskapitel werden drei Herangehensweisen vorgeschlagen, wie ‚völkische‘ und ‚rassische‘ Denkfiguren in der Burgenforschung festgemacht werden können. In einer ersten Perspektive wird davon ausgegangen, dass solche Denkfiguren Bestandteile des deutschen Wissenschaftsfelds waren. Diese Annahme wird dadurch evident, dass in den 1920er und 1930er Jahren ‚völkische‘ Wissenschaftler für ihre Volks- und Rassebegriffe auf nationalistische Idealisten oder auf gegenrevolutionäres Gedankengut zurückgriffen, das im deutschen Wissenschaftsfeld weitgehend akzeptiert war. Sie betrachteten die Französische Revolution als Scheitelpunkt europäischer Geistesgeschichte und entwickelten Volksbegriffe, die dem «deutschen Wesen» entsprechen sollten. Da Volks- und Rassekonzepte im Wissenschaftsfeld verankert waren, konnten ‚völkische‘ und ‚rassische‘ Denkfiguren bestimmten Wissenschaftlern dazu dienen, sich epistemisch von anderen Fächern abzugrenzen. Hier zu nennen sind insbesondere Vor- und Frühgeschichte, Volkskunde und Burgenforschung. Für diese Forschungsbereiche hatten Volks- und Rassebegriffe demnach die Funktion einer symbolischen Differenzierung. Gleichzeitig aber konnten ‚völkische‘ und ‚rassische‘ Elemente auch Zeichen einer fortgeschrittenen Heteronomisierung des Wissenschaftsfelds sein. Aus dieser Sicht sind diese Ideen dem politischen Feld zuzuschreiben. Ihr Import ins Wissenschaftsfeld ergab sich durch den Kapitalsortenaustausch zwischen Wissenschaftlern und NS-Politikern.
Die abschließende Analyse des Verhältnisses von wissenschaftlicher Modernität und Nationalsozialismus ergibt drei Aspekte. Zum ersten sind innovative Elemente vor allem in der fächerübergreifenden «Gemeinschaftsforschung» festzustellen. Hierbei ist nicht etwa von einer Trennung zwischen einem antimodernen Holismus und interdisziplinären Praktiken zu scheiden, vielmehr gingen beide Phänomene ineinander über. Zum zweiten ist festzuhalten, dass bestimmte Methoden und Denkansätze wie das Raumparadigma zur Überwindung des Historismus beigetragen haben und daher als innovativ anzusehen sind. Zugleich war damit eine Verwissenschaftlichung von ‚völkischen‘ Ideen verbunden, die sich entweder auf romantische Volksbegriffe oder auf methodisch unzureichend abgestützte Rassentheorien bezogen. Zum dritten wurden viele programmatische Aussagen von Volksforschern nicht umgesetzt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass diese Konzepte letztlich in einem Irrationalismus verankert waren, der nicht mit dem auf rationalen Annahmen begründeten Wissenschaftssystem kongruent war.
Advisors:Simon, Christian
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Sprach- und Literaturwissenschaften > Fachbereich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft > Literaturwissenschaft (Simon)
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:26
Deposited On:06 Feb 2018 11:26

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