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Innenansichten eines Niedergangs - Das protestantische Milieu in Basel im 20. Jahrhundert

Hofmann, Urs. Innenansichten eines Niedergangs - Das protestantische Milieu in Basel im 20. Jahrhundert. 2011, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60227/

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Abstract

Voraussetzungen, Begriffe, Methoden, QuellenDie Studie untersucht die Verankerung der reformierten Kirche in der Gesellschaft und ihren Einfluss auf diese Gesellschaft, mit anderen Worten: die Mächtigkeit der Kirche in Bezug auf die soziale Wirklichkeit und den Wandel dieses Verhältnisses zwischen den 1920er- und den 1970er-Jahren. Im Mittelpunkt stehen die Schnittpunkte zwischen der Kirche und der ausserkirchlichen Gesellschaft. Dort manifestiert sich das Verhältnis der Kirche zur realen Lebenswelt, die Bedeutung der Kirche für die Menschen. Hintergrund bildet die Annahme, dass «Kirche und Gesellschaft in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis» stehen (Altermatt). Der ab Mitte der 1960er-Jahre sichtbar erfolgte, dramatische Bruch der protestantischen Gesellschaft mit ihrer Kirche, der sich vorab in einer massiven Kirchenaustrittswelle zeigte, wird mit einer Untersuchung über dessen Vorgeschichte erhellt. Die populäre Diagnose, die Gegenwart erlebe eine «Renaissance des Religiösen» (Pollack) wird kritisch betrachtet. Eine auf empirischer Basis vorgenommene Historisierung dieses Phänomens zeigt, ob man über lange Sicht von einer «Renaissance» sprechen kann.
Im Zentrum der Analyse stehen Fragen nach der Struktur, den Akteuren und der Mentalität des Protestantismus in Basel-Stadt. Die Studie arbeitet mit den Konzepten der Mentalitätsgeschichte und des Milieuansatzes. Die Konjunktur des Protestantismus in Basel verfolgt die Forschungsarbeit methodisch mit einer Kombination von Struktur- und Diskursanalyse. Da zumindest die erste Hälfte des Untersuchungszeitraums unbestritten in die Milieuphase reicht beziehungsweise noch vom «Vereinsprinzip als Strukturprinzip der bürgerlichen Gesellschaft» (Tenfelde) im 19. Jahrhundert geprägt ist, kann eine Analyse mit dem Milieuansatz und zu Konjunkturen von Kirchen- und Vereinsmitgliedschaften und Kirchenbesuchen neue Erkenntnisse zu Tage fördern. Gleichzeitig reicht die Untersuchung zeitlich über den so genannten Niedergang des Milieus hinaus, womit für diesen Zeitraum eine methodische Ergänzung notwendig ist. Mit der Diskursanalyse, die sich auf die Sprache konzentriert, den Wandel von Sprach- und Zeichensystemen untersucht, steht dafür ein Instrument zur Verfügung.
Während der empirische Teil der Arbeit sich zur Hauptsache auf das Phänomen der Entkirchlichung konzentriert, das heisst auf den Bedeutungsverlust der evangelisch-reformierten Religion in ihrer institutionalisierten Form, gibt der qualitative Teil der Studie über mögliche Vorgänge des Bedeutungsverlustes von Religion, innerhalb und ausserhalb der kirchlichen Institutionen Auskunft. Er fragt nach dem möglichen Einfluss von Industrialisierung und Rationalisierung auf die religiöse Entwicklung.
Die Quellen der Studie sind die bislang im Basler Kontext noch nicht untersuchten kirchlichen und kirchennahen Zeitschriften sowie die Akten von religiösen und kirchennahen Vereinen in Basel. Die fast ausnahmslos von Pfarrern geführten Redaktionen verstanden ihre Zeitschriften als Vermittlungsagenturen von Religion und Religiosität, aber auch als Kommunikationsräume zur Verhandlung von Werten. Sie dienten der Sinnkonstruktion und der Selbstvergewisserung der protestantischen Gemeinde. Die im Zeitraum von 1918-1970 untersuchten Zeitschriften sind das Schweizerische Protestantenblatt, der Kirchenfreund, der Christliche Volksbote, das Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, der Basler Kirchenbote sowie die Evangelische Volkszeitung. Die rund 180 zur Analyse ausgewählten Texte thematisieren die folgenden Themenbereiche: Die Nachfolge Karl Barths an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und die Initiative zur Atom-Bewaffnung der Schweiz (Kap. 1); Die Stellung der Frau in der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt (Kap. 2); Kirche und Sexualmoral (Kap. 3); Radio, Fernsehen und Kirche (Kap. 4); Die «Krisenzeit» (Kap. 5).
Die Struktur und Bedeutung des Vereinswesens sind ein entscheidendes Indiz für die Existenz eines Milieus. Neben strukturellen Fragen, die sich zu diesen Vereinen stellen, wie jene nach ihrer Anzahl, deren Zwecksetzungen, nach Entstehungs- und Auflösungsgründen und nach den wichtigsten Akteuren, sind auch tiefer gehende Fragen zu stellen. Gefragt wird auch, ob es den protestantischen Vereinen gelang, den Prozess der Entkirchlichung zu verzögern und ob die Vereine über das eigene Mitgliederpotenzial hinaus Wirkung entfalten konnten. Ein besonderes Problem im Rahmen der Frage nach sozialen und kulturellen Deutungsmustern ist die Differenzierung des Basler Protestantismus in einen liberalen und einen konservativen Flügel.
AufbauNach einem Kapitel zu den Voraussetzungen der Arbeit folgt ein Abriss der Geschichte der Basler reformierten Kirche seit der verfassungsmässigen Trennung von Staat und Kirche 1910. Das dritte Kapitel widmet sich der Analyse von Diskursen in den kirchlichen Zeitschriften. Sie geben Aufschluss über die Wahrnehmung und Bewertung der Politik und der gesellschaftlichen Modernisierung im 20. Jahrhundert. Das vierte Kapitel rekonstruiert Dimensionen des sozialen Raums der kirchlichen Diskurse, d.h. die das protestantische Milieu organisierenden kirchlichen Vereine. Hier steht eine Analyse aller Personen in Leitungsfunktionen der Vereine im Zentrum (Milieumanager und «Multifunktionäre»), ebenso wie auch die Struktur und Bedeutung des politischen Protestantismus in Basel. Abgeschlossen wird die Arbeit von einer die Erkentnisse zusammenfassenden Synthese.
ResultateDie Vertreter der Evangelisch-reformierten Kirche hatten bereits in den 1920er-Jahren den Eindruck, in einer Krisenzeit zu leben. Zu den Themen Entkirchlichung, Unkirchlichkeit, Unglauben und Verfall der Religion, die bereits im 19. Jahrhundert in der literarischen Öffentlichkeit debattiert wurden, kam im 20. Jahrhundert eine neue Komponente hinzu, die sozusagen verschärfend wirkte: die Angst vor dem tatsächlichen Verschwinden der Religion und damit verbunden, die Angst vor der Zukunft der eigenen Kirche. Insofern erfahren die Befürchtungen um die Zukunft der Reformierten in der Gegenwart durch ihre Historisierung auch eine Relativierung. In den 1960er- und 70er-Jahren zeigt sich ein besonderer Grad der Beunruhigung, evoziert durch das Erstarken der ausserkirchlichen Wirklichkeit. Das Deutungsmonopol der Kirche konnte zu Beginn der 1960er-Jahre nicht mehr aufrechterhalten werden, es war ihr nicht mehr möglich, eine exklusiv reformierte «Wirklichkeitsdeutung» (Dubach/Campiche) zu vermitteln. Neue, nicht entlang der freiheitlichen oder positiven, sondern zwischen den Richtungen hindurch verlaufende Fronten stellten die bis dahin an den kirchlichen Richtungen orientierte Deutung und Vermittlung des Weltbildes infrage. Die neuen Konfliktlinien führten zu einer veränderten innerkirchlichen Fraktionierung und erzeugten hohe Reibung, was die Durchlässigkeit der Milieugrenzen erhöhte. Die erstmals ernsthaft unternommenen Versuche zur Überwindung der Richtungsgegensätze 1959/60 förderten die Desorientierung zusätzlich. Radio und insbesondere das Fernsehen wirkten gleichzeitig als Pluralisierungs- und Privatisierungsmotor und kehrten damit die mit ihrer Einführung verbundenen gesellschaftlichen Homogenisierungshoffnungen der Kirchen in ihr Gegenteil um. Mit der zunehmenden Verbreitung dieser neuen Medien entstand eine «überkonfessionelle und überparteiliche Öffentlichkeit» (Dubach/Campiche). Ein Beispiel dafür ist der Bereich der Sexualmoral, in dem gegen Ende der 1960er-Jahre eine kirchengebundene Normen- und Wertestruktur durch eigenverantwortliche Selbstbestimmung abgelöst wurde.
Mit der mentalen Öffnung des Milieus und der damit verbundenen Aufweichung der Milieugrenzen verloren Milieu-charakterisierende Attribute wie die soziale Kontrolle und der soziale Zwang an Bedeutung. Auf die abnehmende Integrationskraft des protestantischen Milieus ab Mitte der 1960er-Jahre deuten verschiedene Indizien hin: Von den in Basel zwischen 1920 und 1940 erschienenen sechs protestantischen Zeitschriften, die für das Milieu eine wichtige, identitätsstiftende Funktion übernahmen, existierten bereits zu Beginn der 1950er-Jahre nur noch zwei. Die Zahl der protestantischen Vereine in Basel sank zwischen 1950 und 1965 trotz zahlreicher Neugründungen um knapp einen Fünftel. Schliesslich sank auch die Zahl der Milieumanager nach 1950 rapide.
Parallel zur abnehmenden Bindungskraft des evangelisch-reformierten Milieus erlebte Basel spätestens ab 1966 eine «Krise der Kirchlichkeit» (Kehrer), die ihren Ausdruck vorab in einem massiven Anstieg der Austritte aus der evangelisch-reformierten Kirche fand. Zuallererst handelte es sich dabei um eine Loslösung der Kirchenmitglieder von institutioneller Religiosität. Damit verband sich gleichzeitig auch ein Verlust an Sichtbarkeit von Religion. Die Religion in Basel verlagerte sich vor allem deshalb in den unsichtbaren Bereich, weil die Zahl der Austritte aus der evangelisch-reformierten Kirche infolge Übertritts zu einer anderen Religionsgemeinschaft die Gesamtaustrittszahlen bei weitem nicht aufwog.
Nimmt man die diskursiven Selbstzeugnisse des protestantischen Milieus zum Massstab, offenbart die mentale Verfassung der protestantischen Kerngemeinde neben dem bereits erwähnten, latenten Krisenbewusstsein, ein verbreitetes Spannungsverhältnis von Religion und Moderne. Die Arbeit zeigt, dass in Basel zweifellos eine empirische Tendenz zur Säkularisierung bestand und noch besteht.
Langfristig, das heisst über den gesamten Untersuchungszeitraum gesehen, konnten mindestens zwei verschiedene, parellel verlaufende Diskurse ausgemacht werden. Auf der einen Seite war das Krisenbewusstsein der protestantischen Gemeinde langfristig und konstant erkennbar und derart ausgeprägt, dass eine eigentliche Krisen-Mentalität der Angehörigen des evangelisch-refomierten Milieus in Basel konstatiert werden kann. Die gesellschaftlichen Entwicklungen ab Mitte der 1960er-Jahre gaben den Milieuangehörigen allen Grund dazu, die Existenz ihrer Kirche für die Zukunft in Frage zu stellen. Währenddem deuten insbesondere die verbreiteten Äusserungen von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit bereits zu Beginn des Jahrhunderts, als noch keine erkennbaren äusseren Entwicklungen auf einen Niedergang der protestantischen Kirche hindeuteten, auf tief verankerte Zweifel im protestantischen Milieu hin.
Ein zweiter diskursiver Strang, weniger konstant, aber immer wieder erkennbar, gruppiert sich um Versuche der Neupositionierung der Kirche in der Gesellschaft, um Erneuerungsbewegungen und um erstaunlich reibungslose Adaptionen und sogar Vorwegnahmen gesellschaftlicher Entwicklungen. Beispiele sind die Umdeutung der Säkularisierung ins Positive, die Einrichtung verschiedener kirchlicher Initiativen zur Beantwortung von Fragen im Zusammenhang mit der Bewältigung des christlichen Alltags oder die verhältnismässig frühe Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in der Kirchgemeinde. Weil der Anstoss zu diesen Reformen und deren Durchführung häufig von Einzelpersonen oder Kleingruppen ausging, lässt sich nicht von einer generellen Mentalität der Öffnung sprechen. Dennoch deutete sich an, dass die dominierende Krisen-Mentalität zumindest punktuell überlagert wurde von einem verbreiteten, aber auch immer wieder bestrittenen Wunsch zur Öffnung, zur Liberalisierung der protestantischen Einstellungen und Werte.
KeywordsReformierte Kirche, Basel, Protestantismus, Säkularisierung, Entkirchlichung, Milieu, Mentalität, Diskursanalyse, kirchliche Zeitschriften, Vereinswesen
Advisors:Mooser, Josef
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Neuere Allgemeine Geschichte (Mooser)
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:25
Deposited On:06 Feb 2018 11:25

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