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“Vill bösse ungerathne ehen”. Strittige Eheversprechen und Scheidungsklagen vor dem Ehegericht von Appenzell Ausserrhoden 1632-1655

Hoesli, Kathrin. “Vill bösse ungerathne ehen”. Strittige Eheversprechen und Scheidungsklagen vor dem Ehegericht von Appenzell Ausserrhoden 1632-1655. 2009, Master Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60224/

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Abstract

Die Arbeit reiht sich in den Forschungskontext der Frauen- und Geschlechterforschung sowie der Historischen Anthropologie ein, die seit den 1980er und 1990er Jahre den Ehealltag, die Geschlechterbeziehungen innerhalb der Ehe wie auch die obrigkeitliche Ordnungs- und Moralpolitik in der Frühen Neuzeit untersuchen. Anhand von einem Quellenbestand von knapp 200 Ehegerichtsprotokollen habe ich einerseits die Konfliktmotive und Klagegründe der Eheleute, ihre Erwartungen und Interessen innerhalb der Ehe wie auch ihre Handlungsräume vor dem Ehegericht untersucht und andererseits die politischen und moralischen Ordnungsvorstellungen der Obrigkeit hinter der Institution des Ehegerichts analysiert.Zunächst habe ich die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in der Region Appenzell Ausserrhoden im 17. Jahrhundert aufgezeigt und die religiösen und gesetzlichen Prozesse im Gefolge der Reformation nachgezeichnet. Die Reformation war nicht nur Auslöser der Landteilung und der Gründung des Ehegerichts von Appenzell Ausserrhoden um 1600, sondern bildete auch den Ausgangspunkt für eine neue Ehetheologie, wobei vor allem die Ideen von Huldreich Zwingli und Heinrich Bullinger Auswirkungen auf die politischen Ordnungsvorstellungen des reformierten appenzell-ausserrhodischen Ehegerichts hatten. Die Sicherung und Regulierung der Institution Ehe rückte immer mehr ins Zentrum der obrigkeitlichen Ordnungsanstrengungen, wobei ein spezielles Augenmerk auf die voreheliche Sexualität gelegt wurde. Im Unterschied etwa zum Basler Ehegericht verfolgte das Ehegericht Appenzell Ausserrhoden keine repressive „Unzuchts“-Politik, sondern eher eine integrative Moralpolitik, indem beispielsweise unehelich schwanger gewordene Frauen in eine legitime Ehe eingebunden wurden.Vor dem dargestellten soziökonomischen und rechtlichen Hintergrund bilden schliesslich die Ehekonflikte bzw. die Konflikte um Eheversprechen den Hauptteil der Arbeit. Durch eine quantitative Untersuchung habe ich die Streitigkeiten um Eheversprechen und die Scheidungsklagen im Untersuchungszeitraum in Zahlen wiedergegeben, um Tendenzen wie auch geschlechterdefinierte Unterschiede in Bezug auf Klage- und Urteilsstrukturen aufzuzeigen. Anhand von thematisch auf die Aspekte Sexualität, Ökonomie und Emotionen fokussierten Fallanalysen habe ich schliesslich die verschiedenen Interessen und Handlungsräume der Parteien vor Gericht sowie die Konfliktlinien im ehelichen und dörflichen Alltag herausgearbeitet. Diese standen oft im Widerspruch zu obrigkeitlichen Vorstellungen von ehelicher, ökonomischer und religiöser Ordnung. Während beispielsweise in den Klagen der Eheleute häufig emotionale und ökonomische Motive aufscheinen, konzentrierte das appenzell-ausserrhodische Ehegericht seine Urteilspraxis im Bereich der Scheidungsklagen allein auf die sexuelle Ordnung. Anders handelte das Ehegericht Appenzell Ausserrhoden im Bereich der Eheschliessung. Da werden Entscheidungsräume sichtbar, die über den gesetzlichen Rahmen der Ehegerichtssatzungen hinausgehen und wirtschaftspolitische Intentionen erkennen lassen. In der Beurteilung von strittigen Eheversprechen wurde grosses Gewicht auf ökonomische Faktoren, wie zum Beispiel die wirtschaftliche Grundlage der Ehepartner, gelegt. Es konnte festgestellt werden, dass die Obrigkeit von Appenzell Ausserrhoden durch die Regulierung des Eheschliessungsprozesses vor allen Dingen die soziökonomische Ordnung sichern wollte. Im Bereich der Eheversprechen wird ausserdem deutlich, dass die vor Gericht Gezogenen mehr Handlungsmöglichkeiten besassen. Vor allem schwangere Frauen hatten grosse Chancen, das Ehegericht für ihre Interessen zu nutzen und eine Bestätigung des Eheversprechens zu erreichen.Insgesamt reiht sich die Lizentiatsarbeit zum grössten Teil in den bisherigen Forschungskontext ein und erweitert durch die Bearbeitung des Quellenbestandes eines ländlichen Ehegerichts die historischen Kenntnisse über ländliche Ehegerichtsverfahren, Ehealltag und –konflikte in der Alten Eidgenossenschaft.
Advisors:Opitz-Belakhal, Claudia
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Bereich Frühe Neuzeit > Geschichte der frühen Neuzeit (Opitz-Belakhal)
UniBasel Contributors:Opitz Belakhal, Claudia
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Master Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:05 Apr 2018 17:38
Deposited On:06 Feb 2018 11:25

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