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Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916

Happel, Jörn. Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916. 2009, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Humanities and Social Sciences.

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Official URL: https://edoc.unibas.ch/60185/

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Abstract

Im Sommer des Jahres 1916 brach im russischen Zentralasien ein riesiger Aufstand aus. Im glücklosen Kampf gegen die zarischen Kolonialtruppen oder auf der Flucht vor ihnen verloren innerhalb weniger Monate etwa 200.000 Kasachen und Kirgisen – vielleicht sogar noch mehr – ihr Leben. Rund 10.000 russische Siedler und Militärs starben auf der anderen Seite. Wohl an die 300.000 Nomaden flohen in das chinesische Grenzgebiet, wo in den folgenden Jahren etwa die Hälfte von ihnen an Seuchen verstarb. Erst zu Beginn der 1920er Jahre kehrten die Vertriebenen wieder zurück. Der Kolonialaufstand von 1916, der grösste im vorrevolutionären Russland, ist in westlichen Arbeiten trotz dieser sehr hohen Opferzahlen bislang nur am Rande behandelt worden. Zum Schliessen dieser Forschungslücke trägt meine Dissertation bei.Zar Nikolaj II. hatte während des Ersten Weltkriegs verfügt, die bislang von der Wehrpflicht befreiten Nomaden in den Dienst an der Etappe zu rufen. Dies war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und wie ein Schneeballsystem eine riesige Lawine auslöste. Die Zentralasiaten wehrten sich nun gegen die bislang erfahrene Unterdrückung. Zuvor hatte besonders die Kolonisierungsbewegung von Hunderttausenden russländischen Bauernfamilien seit 1907 die Nomaden in der zarischen Kolonie Turkestan verarmen lassen, weil sich die neuen Siedler das beste Land nahmen und die Nomaden vertrieben. Die russische Verwaltung, vor allem in Vertretung der Umsiedlungsbehörde, unterstützte einseitig die Bauernkolonisten, denn die lokalen imperialen Beamten interessierten sich kaum für das Nomadenleben. Vielfach herrschte unter ihnen zudem Korruption und Willkür vor.Meine Arbeit erzählt vom (Alltags-)Leben zarischer Bauern, Beamter und Offiziere an der Peripherie des Zarenreichs ebenso wie von dem der kasachischen und kirgisischen Nomaden. Zuvorderst berichte ich über den Aufstand, indem in Einzelstudien die Vorgeschichte und der Aufstandsverlauf selbst erzählt werden. Durch Fallbeispiele konnte die Handlung der unterschiedlichsten Menschen verstärkt nachvollzogen werden: Im Zentrum stehen die Gewalt der Nomaden, die Selbstjustiz der Siedler, die von Nomaden verschleppten russischen Frauen und Kinder.In meinem Hauptteil erzähle ich den Aufstand aus der Perspektive zweier Männer: Der zarische Gendarm (Geheimdienstoffizier) Vladimir Fedorovič Železnjakov (1881-?) und der kasachisch-kirgisische Nomadenführer Kanat Abukin (1856-1917) berichten über ihre Rolle im Aufstand. Beide mache ich zu zentralen Figuren, aus deren Perspektive ich den Aufstandsverlauf, seine Vorgeschichte und die Nachwirkungen darstellen kann.In einem kürzeren Ausblickskapitel meiner Arbeit behandle ich das Erbe eines Aufstands, das heisst, wie die Sowjets, die sich auch in Zentralasien nach dem Bürgerkrieg durchsetzten, mit dem Aufstand umgegangen sind. Zum einen beanspruchten die Bolschewiki jetzt die Deutungshoheit und machten aus dem Nomadenaufstand eine Vorgeschichte zur Oktoberrevolution. Zum anderen setzten sie sich mit dem Leid der Russen und Nomaden auseinander, halfen vielerorts mit Geld und Sachmitteln, andernorts vergrösserten sie das Leid dank neuer Vertreibungen – diesmal der Kolonisten.Methodisch habe ich den Aufstand vor allem aus der Perspektive der historischen Akteure untersucht. Mich interessierte, wie und warum sie handelten. Železnjakov und Abukin sind Beispiele dafür, wie vielschichtig das Leben in Kolonien sein kann. Sie zeigen, dass eine kulturwissenschaftliche Studie vor allem die Sichtweise der Akteure einnehmen und ihre Lebenswelten ernst nehmen sollte, um zu neuen Ergebnissen kommen zu können. Dabei halte ich aber am verstaubt klingenden Begriff der Kolonialgeschichte fest. Zum einen, weil ich eine Geschichte aus einer Kolonie erzähle, zum anderen, weil die Erzählung und das dichte Beschreiben der Geschehnisse durch mich als Historiker im Mittelpunkt stehen.Auf diese Art und Weise konnten Personen wie der Nomadenführer Kanat Abukin näher beschrieben werden, wodurch mit alten Zuschreibungen gebrochen, Mythen um ihn entmythifiziert werden konnten. Zudem wurde deutlich, dass er und sein Gegner Železnjakov nicht an der jeweils gegenüberliegenden Seite scheiterten – der Kolonisatoren oder der Kolonisierten. Sie wurden von ihren eigenen Gruppen fallen gelassen: Kasachen und Kirgisen lieferten Kanat aus, als der Aufstand scheiterte; Železnjakov wurde von der Zarenregierung abgesetzt, weil er offen deren Siedlungspolitik in Zentralasien kritisiert und Verständnis für den Nomaden-Aufstand gezeigt hatte. Dies ist ein Ergebnis, das sich aus der mikrohistorischen Studie ergeben hat. Kolonialsituationen sind demnach wesentlich komplexer als die Dichotomie Kolonialherr – Kolonialvolk vermuten lässt.Ich habe eine Kolonialgeschichte geschrieben, die sich dafür einsetzt, von der Biographie Einzelner aus auf den historischen Gesamtzusammenhang, von der Lebenswelt Einzelner aus auf das System zu schauen. Dadurch gelingen mit mikrohistorischer Genauigkeit Einblicke in das Funktionieren von Gesellschaften, die beim Blick von oben nicht sichtbar werden. Zudem schrieb ich ein Plädoyer dafür, die Geschichte Russlands auch von der Peripherie aus zu betrachten.
Advisors:Haumann, Heiko
Faculties and Departments:04 Faculty of Humanities and Social Sciences > Departement Geschichte > Ehemalige Einheiten Geschichte > Osteuropäische und neuere Geschichte (Haumann)
Item Type:Thesis
Thesis no:UNSPECIFIED
Thesis status:Complete
Last Modified:06 Feb 2018 11:25
Deposited On:06 Feb 2018 11:25

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