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Neuartige residentielle Stadtstrukturmuster vor dem Hintergrund postmoderner Gesellschaftsentwicklungen : eine geographische Analyse städtischer Raummuster am Beispiel von Basel

Eder Sandtner, Susanne. Neuartige residentielle Stadtstrukturmuster vor dem Hintergrund postmoderner Gesellschaftsentwicklungen : eine geographische Analyse städtischer Raummuster am Beispiel von Basel. 2004, Doctoral Thesis, University of Basel, Faculty of Science.

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Official URL: http://edoc.unibas.ch/diss/DissB_6768

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Abstract

In westlichen Industrienationen beobachten Soziologen einen Wandel von der
Klassengesellschaft der fordistischen Phase hin zu einer sozial ausdifferenzierten
Lebensstilgesellschaft der postfordistischen Ära. Gleichzeitig wird eine sich
verstärkende soziale Polarisierung mit neuen Armutsrisiken und neuen
Determinanten der gesellschaftlichen Ungleichheit dokumentiert. Diese sozialen
Prozesse haben ihr Pendant in stadträumlichen Veränderungen. Die sich
ergebenden neuen Muster der Wohnstandortverteilung sind im Gegensatz zu den
eher homogenen fordistischen Viertelstrukturen durch ein kleinteilig-heterogenes
Nebeneinander unterschiedlicher Sozialgruppen gekennzeichnet. Die stadt- und
sozialgeographischen Fachliteratur findet hierfür Begriffe wie „vielfach geteilte
Stadt“ oder „räumliches Mosaik sozialer Welten“.
Der Forschungsgegenstand der vorliegenden Studie liegt im Schnittpunkt
sozial- und stadtgeographischer Fragestellungen. Ziel ist es, das räumliche Abbild
des in der Sozialwissenschaft thematisierten gesellschaftlichen Strukturwandels in
Form veränderter Wohnstandortmuster in einem urbanen Raum flächendeckend zu
dokumentieren. Dies geschieht auf der Basis eines für das gesamte Stadtgebiet
verfügbaren Datensatzes der öffentlichen Statistik.
In der Schweiz stehen flächendeckende und in zehnjährigem Erhebungsintervall
wiederholte Volkszählungsdaten auf Personenbasis zur Verfügung. Daher
fiel die Wahl des Untersuchungsgebietes auf den regionalen Forschungsschwerpunkt
des Geographischen Institutes der Universität Basel: den Stadtkanton
Basel-Stadt. Der zur Verfügung stehende Datenpool umfasst soziodemographische
Merkmale von insgesamt 99 926 Haushalten des Erhebungsjahres 1990 und ist auf
verschiedenen Massstabsebenen abrufbar.
Die empirischen Arbeiten der sozialwissenschaftlichen Lebensstilforschung
beruhen auf qualitativ ausgerichteten Methoden mit umfangreichen Befragungen
ausgewählter Stichproben der Bevölkerung. Für das Forschungsziel einer
umfassenden und flächendeckenden Soziaraumanalyse müssen Gesellschaftskonzept
und Methodik an die Merkmale des verfügbaren Datensatzes angepasst
werden. Um die „postfordistische“ Gesellschaftsstruktur für den Stadtkanton
Basel abbilden zu können, werden daher sog. „Lebensformentypen“
konzeptionalisiert und mittels Selektionsanalyse klassifiziert. Diese Sozialgruppen
weisen sowohl klassische (sozioökonomische) Schichtmerkmale als auch
„postfordistische“ (soziodemographische und –kulturelle) Ausdifferenzierungen
auf. Für die Sozialraumanalysen werden bestimmte Raumeinheiten –Baublöcke
und Stadtviertel – entsprechend ihrer Zusammensetzung aus den
Lebensformengruppen beschrieben, klassifiziert und kartographisch dargestellt.
Um den Zusammenhang zwischen der physisch-räumlichen Qualität der
Wohnstandorte und ihren Bewohnern aufzudecken, werden Merkmale der Wohnumfeldqualität (Bevölkerungsdichte und Verkehrsimmissonen) in die
Analysen mit einbezogen.
Aufgrund der empirischen Untersuchungen kann die baselstädtische
Wohnbevölkerung als eine Zweidrittelgesellschaft bezeichnet werden, die sich aus
69% Ober- und Mittelschichthaushalten (10% Ober- und 59% Mittelschicht) und
31% Unterschicht- und marginalisierten Haushalten (28% Unterschicht und 3%
Marginalisierte) zusammensetzt. Die „postmoderne“ Teilgruppe, die mehrheitlich
aus vollerwerbstätigen Einpersonenhaushalten ohne Konfessionszugehörigkeit
besteht, verzeichnet in allen Sozialschichten die niedrigsten Anteile. Die sehr
heterogen zusammengesetzte moderne Teilgruppe (z.B. teilerwerbstätige
Einpersonenhaushalte, erwerbstätige Ehepaare mit und ohne Kinder oder
Alleinerziehende) weist jeweils die höchsten Anteile auf. Die nach traditionellen
Mustern lebenden Haushalte setzen sich aus zwei Hauptgruppen zusammen, den
verwitweten Einpersonenhaushalten mit Konfession und den Ehepaaren mit und
ohne Kinder und klassisch verteilten Rollen bezüglich Erwerbstätigkeit und
Haushalt. Zur ausserhalb des Erwerbslebens und am untersten Ende der sozialen
Leiter stehenden Gruppe der „Marginalisierten“ zählen Rentner ohne Ausbildung
und Erwerbslose. Für die baselstädtische Wohnbevölkerung bestätigen sich zudem
die neuen Bestimmungsfaktoren der gesellschaftlichen Ungleichheit wie
Familiengrösse, Lebenszyklusphase, Geschlecht und Nationalität.
Der in der raumwissenschaftlichen Theorie angenommene Zusammenhang
zwischen Sozial- und Raumstrukturen bestätigt sich nur für die Unterteilung der
Stadtgesellschaft nach sozialen Schichten. Für die Bevölkerungsgruppen am
oberen und unteren Ende der sozialen Leiter, und besonders für deren traditionelle
Teilgruppen, ist eine starke residentielle Segregation typisch. Hier spiegelt sich die
wieder zunehmende soziale Polarisierung in sehr unterschiedlich verteilten
Wohnstandorten wider. Tendenziell werden Gebiete mit guter Wohnqualität von
oberen Sozialschichten bewohnt und Räume geringer Wohnqualität von Gruppen
mit niedrigem Sozialprestige. Wo in Basel grössere Raumeinheiten mit
einheitlicher Wohnqualität zur Verfügung stehen, leben v.a. sozial immobile
Bevölkerungsgruppen nach verschiedenen Quartieren segregiert. Es handelt sich
hierbei einerseits um sozial Benachteiligte, die sich auf das unterste
Wohnungsmarktsegment beschränken müssen. Andererseits finden auch sozial
Privilegierte aufgrund ihrer sehr hohen Ansprüche an die Wohnqualität geeigneten
Wohnraum nur in bestimmten Vierteln. In diesen sozial homogenen
Stadtquartieren kumulieren räumliche und soziale Privilegierungen und
Benachteiligungen.
Ein bemerkenswertes Ergebnis der Empirie ist, dass die postmodernen Oberund
Mittelschichthaushalte häufig auch in städtischen Negativräumen wohnen, im
Gegensatz zu deren traditionellen Teilgruppen. Ihre enklavenartigen Wohnstandorte
sind ähnlich im Stadtgebiet verteilt (v.a. in Innenstadtnähe) wie Raumeinheiten
mit hohen Anteilen an Unterschichthaushalten. Dies ist mit dem
vorhandenen Wohnraumangebot für diese Bevölkerungsgruppen zu erklären.
Die Entstehung eines „kleinräumigen Mosaiks sozialer Welten“ kann für
Basel-Stadt also nur bedingt nachgewiesen werden. Vor allem in Innenstadtnähe
überlagern sich traditionelle klassengesellschaftliche Segregationsmuster
homogener Wohnviertel mit kleinräumiger strukturierten Wohnenklaven
postmoderner Lebensformengruppen der beiden oberen Sozialschichten. Sozial homogen strukturierte Stadtviertel werden vor allem von traditionellen Haushalten
bewohnt. Es handelt sich hierbei um randstädtische Arbeiter- und Industriequartiere
mit minderwertiger Wohnqualität sowie um Oberschichtviertel mit
herausragender Wohnqualität.
Es kann resümierend festgehalten werden, dass neben der Zugehörigkeit zu
einem bestimmten Lebensformentyp die unterschiedliche Wahlfreiheit der
verschiedenen Sozialgruppen auf dem Wohnungsmarkt eine entscheidende Rolle
für die Verteilung ihrer Wohnstandtorte spielt. Die vorliegende stadt- und sozialgeographische
Studie zeigt Möglichkeiten auf, wie der Raumbezug in sozialwissenschaftliche
Fragestellungen einbezogen werden kann. Für die stadtplanerische
Praxis kann sie Entscheidungshilfen für Massnahmen zum Abbau
„sozialer Brennpunkte“ liefern.
Advisors:Schneider-Sliwa, Rita
Committee Members:Wackermann, Gabriel
Faculties and Departments:05 Faculty of Science > Departement Umweltwissenschaften > Geographie > Humangeographie / Stadt- und Regionalforschung (Schneider-Sliwa)
UniBasel Contributors:Eder Sandtner, Susanne and Schneider-Sliwa, Rita
Item Type:Thesis
Thesis Subtype:Doctoral Thesis
Thesis no:6768
Thesis status:Complete
Bibsysno:Link to catalogue
Number of Pages:166
Language:German
Identification Number:
Last Modified:05 Apr 2018 17:31
Deposited On:13 Feb 2009 14:52

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