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Geschichte einer Feuchtbodensiedlung um 600 v. Chr. am See Luokesa (Litauen): Rekonstruktion von Schichtgenese, Umwelt und Ernährung anhand archäobotanischer Analysen und Untersuchungen zur Taphonomie biologischer Makroreste

Pollmann, Britta. Geschichte einer Feuchtbodensiedlung um 600 v. Chr. am See Luokesa (Litauen): Rekonstruktion von Schichtgenese, Umwelt und Ernährung anhand archäobotanischer Analysen und Untersuchungen zur Taphonomie biologischer Makroreste. 2014, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Science.

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Official URL: http://edoc.unibas.ch/diss/DissB_10961

Abstract

Prähistorische Feuchtbodensiedlungen zeichnen sich im Allgemeinen durch eine hervorragende Erhaltung organischen Materials aus. Deshalb spielen sie eine wichtige Rolle bei der Rekonstruktion der prähistorischen Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt.
Die hier vorgestellten archäobotanischen Untersuchungen einer Feuchtbodensiedlung der Spätbronzezeit/frühen Eisenzeit aus dem See Luokesa (Litauen) waren Teil des interdisziplinären Projekts ‘Understanding human occupation in later prehistoric Europe’, finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds und durchgeführt in der Integrativen Prähistorischen und Naturwissenschaftlichen Archäologie, Universität Basel (Schweiz).
Die Siedlung Luokesa 1 (datiert zwischen 625 und 535 v. Chr.) wurde im Jahr 2000 entdeckt und seitdem erforscht. Die Proben für die vorliegende Dissertation wurden in den Jahren 2008 und 2009 während der Unterwassergrabung entnommen. Für die archäobotanischen Analysen wurden 9 Profile, vier Flächenproben und 16 subjektive Proben aus dem Siedlungszentrum und von einem Land-See-Transsekt ausgewählt. Die Analysen folgten den Beispielen anderer archäobotanischer Untersuchungen. Ein methodischer Schwerpunkt der Arbeit lag auf der detaillierten Erfassung von Erhaltungsparametern biologischer Makroreste zur Rekonstruktion taphonomischer Prozesse. Ziel der Arbeit war es, neue Erkenntnisse zu Umwelt, Landwirtschaft und Ernährung der Spätbronzezeit/frühen Eisenzeit in Litauen zu gewinnen und zu klären, ob die Siedlung Luokesa 1 im Wasser oder an Land errichtet wurde.
Die Untersuchungen ergaben mit anderen Feuchtbodenfundstellen vergleichbar hohe Fundkonzentrationen, ein umfangreiches Taxaspektrum sowie eine sehr gute Erhaltung. Die Stratigrafie gliedert sich in drei Schichtpakete: Seekreide, Kulturschicht und darüber limnischen Ablagerungen vermischt mit Resten der Kulturschicht. Die Verteilung und Erhaltung verschiedener Makroreste lassen Seespiegelschwankungen sowohl vor als auch nach dem Bestehen der Siedlung Luokesa 1 rekonstruieren. Die Siedlung selbst wurde jedoch auf der exponierten Strandplatte errichtet. Die Reste von Wasserpflanzen zeigen, dass der See ab der Besiedlungszeit zunehmend eutrophierte.
Die Zusammensetzung der Kulturschicht ist vergleichbar mit anderen Seeufersiedlungen. Sie beinhaltet Mist, Abfall und Reste einer on-site Vegetation. Das Kulturpflanzenspektrum umfasst Panicum miliaceum, Triticum spelta, T. dicoccon, Hordeum vulgare, Pisum sativum und Camelina sativa. Bei letzterer handelt es sich um den ersten archäobotanischen Nachweis für Litauen. Auffällig ist das Fehlen von Linum usitatissimum in Luokesa 1, was evtl. auf eine kulturelle Zugehörigkeit zum baltischen Kulturkreis hinweist, wo Flachs im Gegensatz zu weiten Teilen Europas erst relativ spät nachgewiesen wird. Kot von Schaf/Ziege und Reste von Kultur- und Wildpflanzen lassen auf eine vielfältige Ernährung der Kleinwiederkäuer mit Getreide, evtl. Samen von Leindotter und Heu schliessen. Drusch, Laubheu, Kurztriebe und Farn können als Futter oder Einstreu gedient haben. Ausserdem weideten die Tiere in der Siedlungsumgebung. Eine on-site Vegetation ist durch Wurzeln nachgewiesen.
Die Verteilung von Makroresten lässt an einigen Stellen auf Gebäude mit abgehobenen Böden schliessen, unter denen das Vieh Unterstand fand und deren Räume im oberen Bereich v.a. menschlichen Aktivitäten vorbehalten waren. Es ist jedoch von einer unterschiedlichen Bebauung und Nutzung im Siedlungszentrum auszugehen. Zumindest ein Teil der Siedlung verfiel nach einem Brandereignis. Dort etablierte sich eine on-site Vegetation und ein Bodenbildungsprozess begann. Neben der Bodenbildung gibt es weitere Hinweise auf taphonomische Prozesse, die vmtl. saisonale Zyklen während der Ablagerung der Kulturschicht widerspiegeln. Erst einige Zeit nach dem Verfall der Siedlung wurde die ehemalige Siedlungsfläche überflutet.
Die Ergebnisse der Untersuchungen legen nahe, dass in Luokesa 1 Nahrungsmittel produziert und konsumiert wurden (producer and consumer site). Aufgrund der Agrar- und Grünlandwirtschaft sowie der Viehhaltung mit Weide in der Siedlungsumgebung ist von einem starken menschlichen Einfluss um den See Luokesa in der Spätbronzezeit/frühen Eisenzeit auszugehen.
Die archäobotanischen Analysen von Luokesa 1 halfen archäologische Strukturen zu interpretieren und lieferten neue Erkenntnisse zur prähistorischen Umwelt, Nutzung der Siedlungsumgebung, Landwirtschaft und Ernährung im Baltikum. Leindotter (Camelina sativa) wurde erstmals archäobotanisch in Litauen nachgewiesen. Die methodischen Ansätze dieser Arbeit zur verstärkten Untersuchung taphonomischer Prozesse können einen Anstoss bei der weiteren Erforschung von Feuchtbodensiedlungen geben. Damit leistet die hier vorgelegte Dissertation einen wichtigen Beitrag zur archäobotanischen Forschung im Baltikum, zur Methodenentwicklung in der Archäobotanik von Feuchtbodenfundstellen und generell zur Feuchtboden- und Landschaftsarchäologie.
Advisors:Jacomet, Stefanie
Committee Members:Bittmann, Felix
Faculties and Departments:05 Faculty of Science > Departement Umweltwissenschaften > Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) > Archäobotanik (Jacomet)
Item Type:Thesis
Thesis no:10961
Bibsysno:Link to catalogue
Number of Pages:1 Vol.
Language:German
Identification Number:
Last Modified:30 Jun 2016 10:56
Deposited On:29 Oct 2014 15:42

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