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Archäozoologie als Zugang zur Sozialgeschichte in der Feuchtbodenarchäologie : Forschungsperspektiven am Fallbeispiel der neolithischen Seeufersiedlung Arbon Bleiche 3 (Schweiz)

Doppler, Thomas. Archäozoologie als Zugang zur Sozialgeschichte in der Feuchtbodenarchäologie : Forschungsperspektiven am Fallbeispiel der neolithischen Seeufersiedlung Arbon Bleiche 3 (Schweiz). 2013, PhD Thesis, University of Basel, Faculty of Science.

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Official URL: http://edoc.unibas.ch/diss/DissB_10323

Abstract

Das sozialgeschichtliche Potential archäozoologischer Daten wurde viele Jahre lang unterschätzt und vernachlässigt. Die für diese Arbeit vorgenommene Sichtung der internationalen Literatur hat gezeigt, dass die Archäozoologie ein überaus interessanter Anknüpfungspunkt für die Auseinandersetzung mit sozialgeschichtlichen Aspekten sein kann. In der vorliegenden Arbeit wird dieser Anknüpfungspunkt genauer betrachtet und das sozialgeschichtliche Potential dargelegt. Die Arbeit zeigt auf, wo, wann und wieso sozialgeschichtliche Betrachtungen in der archäozoologischen Forschung wichtig wurden und welche Mittel und Wege sich für entsprechende Untersuchungen anbieten.
Um die Ursprünge und Hintergründe der sozialgeschichtlichen Auseinandersetzung erfassen zu können, wird die forschungsgeschichtliche Entwicklung der Archäozoologie in der Schweiz mit derjenigen im restlichen Europa und in Nordamerika verglichen. Aus diesen Gegenüberstellungen geht hervor, dass die Schweizer Archäozoologie in ihrer rund 150-jährigen Geschichte wichtige und grundlegende Arbeiten geleistet hat, die zu einem im internationalen Vergleich sehr hohen wissenschaftlichen Standard geführt haben. Es wird aber auch deutlich, dass die Schweizer Forschung das sozialgeschichtliche Potential archäozoologischer Daten bislang nur ganz marginal genutzt hat.
Die in den 1990er Jahren aus der anglo-amerikanischen Forschungstradition hervorgegangene Beschäftigung mit dem sozialgeschichtlichen Potential der Archäozoologie hat bis heute zu einer beachtlichen Vielfalt an Sichtweisen und Interpretationsansätzen geführt, aus der die Schweizer Archäozoologie grossen Profit ziehen kann. Da die Schweizer Forschung mit den Feuchtbodensiedlungen über aussergewöhnliche Quellen und Arbeitsgrundlagen verfügt, kann sie mit gezielten sozialgeschichtlichen Untersuchungen wichtige Beiträge zur internationalen Forschung leisten. Durch die Nutzung und gezielte Umsetzung dieses Potentials ist es möglich, über bisherige „Mainstream-Forschungen“ hinauszukommen und neue Sichtweisen zum Alltagsleben prähistorischer Gemeinschaften zu entwickeln. Die Suche nach Differenzen dient dabei als analytisches Konzept, das es ermöglicht, der komplexen und vielgestaltigen sozialen Realität vergangener Lebenswelten nachzuspüren.
Das sozialgeschichtliche Potential archäozoologischer, aber auch archäobotanischer und archäologischer Daten wurde anhand der am südlichen Ufer des Bodensees gelegenen neolithischen Feuchtbodensiedlung Arbon Bleiche 3 (3384-3370 BC) ausgeleuchtet und evaluiert. Die aussergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen, ein sehr reichhaltiges Fundmaterial sowie klar identifizierbare und jahrgenau datierte Gebäudegrundrisse haben Untersuchungen bis auf die Ebene einzelner Häuser ermöglicht. Als methodisches Arbeitsinstrument für die sozialgeschichtlichen Untersuchungen hat sich das multivariate, explorative Verfahren der Korrespondenzanalyse bewährt, über das synchrone Strukturen und gesamtheitliche Zusammenhänge aufgedeckt werden können und das in seiner methodischen Breite eine grosse Vielfalt an Untersuchungsansätzen bietet.
Die sozialgeschichtlichen Untersuchungen erfolgen in Form einzelner Fallbeispiele, die – ausgehend von archäozoologischen Daten – aufeinander aufbauen und in zunehmender Komplexität weitere Fundgattungen integrieren. Bei der Suche nach sozialgeschichtlichen Indizien waren systematische Kontextualisierungen ein wichtiger Teil der analytischen Methodik. Über die einzelnen Analysen konnte dargelegt werden, dass die tierische Ressourcennutzung bzw. spezifische Subsistenzaktivitäten mit der Siedlungsstruktur in Verbindung zu bringen sind. Von besonderem Interesse ist dabei eine auffällige „Quartiertrennung“, die mit zwei kulturell unterschiedlichen Personengruppen zusammenhängt. Da die Tiernutzung von den nachweislich vorhandenen Assimilationsprozessen in der Siedlung weniger betroffen war, lassen sich die kulturellen Unterschiede über die Tierknochen am deutlichsten fassen – was das sozialgeschichtliche Potential archäobiologischer Daten klar unterstreicht. Die Untersuchungen konnten überdies zeigen, dass siedlungsdynamische Prozesse unterschiedlichster Art für das Verständnis der Siedlungsgenese und des Funktionierens einer Siedlungsgemeinschaft von grundlegender Bedeutung sind. Für Arbon Bleiche 3 konnte dabei ein sozialgeschichtliches Szenario mit drei Phasen (Pionierphase – Konsolidierungsphase – Krisenphase) skizziert werden. Es liessen sich verschiedene Hausgruppen identifizieren, die jeweils aus 2-3 Gebäuden bestanden und in dieser Form als Haushalte zu betrachten sind. Insgesamt ist innerhalb der Siedlung, aber auch siedlungsübergreifend von einer starken und vielfältigen Vernetzung der BewohnerInnen auszugehen – eine Vernetzung, die mit Spezialisierungen und komplementärer Arbeitsteilung einherging und hypothetisch in den Kontext eines heterarchischen Gesellschaftsmodells zu stellen ist.
Advisors:Röder, Brigitte
Committee Members:Schibler, Jörg
Faculties and Departments:05 Faculty of Science > Departement Umweltwissenschaften > Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) > Sozialgeschichte (Röder)
Item Type:Thesis
Thesis no:10323
Bibsysno:Link to catalogue
Number of Pages:294 S.
Language:German
Identification Number:
Last Modified:30 Jun 2016 10:52
Deposited On:30 Apr 2013 08:49

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